Paradigmenwechsel (1)

Hinter dem, was aus der Sicht veramtlichter und verbetriebswirtschaftlichter Kirchen wie ein Niedergang oder ein Rückgang des kirchlichen Lebens aussieht, verbirgt sich in Wirklichkeit ein tiefgreifender Gestaltwandel, vielleicht sogar - um den in diesen Zusammenhang von Hans Küng eingeführten Begriff aufzugreifen - ein Paradigmenwechsel des europäischen Christentums.

 

Dabei handelt es sich nicht um eine Entwicklung, die von irgendjemand angestrebt worden wäre. Diese Entwicklung geschieht nahezu zwangsläufig und fordert uns heraus, dazu Stellung zu nehmen und uns zu verhalten. Es wird sich in Zukunft um ein Christentum handeln, dass der Kirchen als Institution nicht mehr bedarf, weil es die Kirche aus sich selbst heraus entstehen lässt. Wo es Kirchen gibt, findet nicht schon Kommunikation des Evangeliums statt, aber wo sich die Kommunikation des Evangeliums ereignet, da ist die Kirche. Wo es Kirchen gibt, muss es nicht unbedingt eine Gemeinde geben, aber wo es Gemeinde gibt, da ist auch die Kirche. Die Kirche war nicht am Anfang und ist auch nicht die Voraussetzung der Kommunikation des Evangeliums, aber wo sie geschieht, da ist sie. Die Kommunikation des Evangeliums, die Praxis des Christentums, die evangelische Lebenskunst ist die Voraussetzung, nicht die Folge der Kirche. Und die Kirche ist das, was dabei herauskommt, wenn das Evangelium kommuniziert, das Christentum praktiziert und die evangelische Lebenskunst ausgeübt wird.

 

Darum soll es gehen. Um das Christentum, die Kommunikation des Evangeliums oder die evangelische Lebenskunst einzuüben, sind wir nicht auf eine Kirche oder kirchliche Institution angewiesen. Und ob jemand Christ oder Christin ist oder nicht, hängt nicht von Status der Kirchenmitgliedschaft ab, sondern von der eigenen Initiative und der Praxis des Evangeliums.

 

Ich rede damit keineswegs der Abschaffung der Institution Kirche das Wort, im Gegenteil, wohl aber plädiere ich für einen tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis der kirchlichen Institutionen. Waren die Kirchen bisher gehalten, die Existenz des Christentums in der Öffentlichkeit abzusichern, so müssen sie sich nun selbst als Moderatorinnen des Übergangs begreifen.

 

Aus den nachvollziehbaren Gründen der Sicherung ihrer Existenz musste bisher ihr zentrales Anliegen die Sicherung der kirchensteuerzahlungspflichtigen Mitgliedschaft sein. Daher steht die Verwaltung der durch die Zahlung der Kirchensteuer erworbenen Ansprüche notwendig im Mittelpunkt kirchenleitenden Handelns. Das hat zur Folge, dass "evangelisch" ist, wer seine Kirchensteuer zahlt, dadurch bestimmte Ansprüche hat, aber, von Ausnahmen, Gott sei Dank, abgesehen, weitgehend als evangelische Person passiv, unsichtbar und "Kunde" kirchlicher Dienstleistungen bleibt. Sie hat mit der Zahlung der Kirchensteuer die Verantwortung an die Kirche übertragen, für die es - nicht nur, aber in erster Linie - um die Sicherung der Mitgliedschaft geht. Da dies nicht mehr so recht gelingen will, ist aus dem Bemühen, die Mitgliedschaft zu sichern das Bestreben geworden, das kirchliche Leben durch Anpassung an die geringer werdende Mitgliedschaft stabil zu halten. Das kann natürlich auf Dauer niemanden faszinieren. Die Folge davon ist, dass die Kirchen in zunehmendem Maße an Einfluss verlieren.

 

Der fatale Irrtum besteht darin, aus der zurückgehenden Anzahl an Kirchenmitgliedern auf ein zurückgehendes Interesse am Christentum zu schließen. Ich kann es natürlich nicht empirische belegen - aber ich meine aus etlichen Gesprächen in den verschiedensten Zusammenhängen zu schließen, dass genau das nicht der Fall ist. Das Interesse an den Kirchen geht zurück, aber das Interesse am Christentum bleibt, wie schon immer, nachhaltig stabil.

 

(Paradigmenwechsel 2)

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