Predigt am Altjahresabend 2025 in der Stephanuskirche Wermelskirchen-Neuenhaus
Hebräer 13,8-9
Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben.
Es ist alles ziemlich diffus, würde ich mal sagen. Was glauben die Leute eigentlich? Bisher hatte ich gemeint, sie glauben gar nichts mehr, unsere Zeitgenossen, und deswegen ist Kirche nicht wichtig und eigentlich überflüssig. Menschen, die ohne Glauben glücklich, sinnerfüllt und gut leben können, die keinen Glauben mehr brauchen und deswegen auch keine Kirche. Denen fehlt nichts, und wir sollten es ihnen auch nicht einreden oder unterstellen. Und dennoch frage ich mich immer mehr, ob es Menschen ohne Glauben wirklich geben kann. Ob Glauben nicht zu unserem Menschsein dazugehört, ob Glauben nicht ein Teil, ein Wesenszug unseres Menschseins ist. Ganz sicher bin ich mir nicht. Aber wir haben uns ja nicht selbst ins Leben gerufen. Wir hatten kein Mitspracherecht, wer wir sind und wo und wann wir leben, ob wir Mann oder Frau, blond oder braun, schlank oder rundlich sind. Da drängt sich schon die Frage auf, wer die Idee hatte und auf uns gekommen ist. Die DDR war ja nicht nur erfolglos. So hat sie zum Beispiel immer mehr Goldmedaillen bei den olympischen Spielen als die BRD. Und sie war Weltmeister darin, den Menschen den Glauben auszutreiben. Darin war sie wirklich Weltniveau. „Die haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben,“ haben wir früher immer gesagt.
Und dennoch habe ich ernsthaft Zweifel, ob den Menschen dort wirklich so egal sein kann, woher wir kommen, was für einen Sinn das Ganze hat und was daraus und aus uns mal werden wird. Mit anderen Worten: Die Leute glauben – auch wenn sie stur behaupten, sie hätten keinen Glauben. Die Leute glauben – sie wissen nur nicht woran. Das geht hinein bis in die Kreise der hoch Gebildeten. Jürgen Habermas bezeichnet sich als „religiös unmusikalisch“. Aber er fordert von den Kirchen, dass sie ihre Botschaft klar und profiliert zum Ausdruck bringen. Detlev Pollack, einer der wichtigsten Religionssoziologen in Deutschland glaubt nicht an Gott, hält sich aber anders als Habermas für „religiös musikalisch“. Gregor Gysi glaubt auch nicht an Gott, hat aber Angst vor einer gottlosen Gesellschaft. Dieser Zwiespalt – ich glaube eigentlich nicht, aber irgendwie eigentlich doch – hat derzeit Hochkonjunktur. Es ist gerade in Mode, irgendwie, irgendwas zu glauben oder nicht zu glauben, aber ganz gewiss nicht so, wie die Kirche. Jeder macht sich das mit sich selber aus, findet seine eigene Wahrheit, die morgen schon wieder ganz anders aussehen kann, aber das ist seine oder ihre oder meine Sache, das geht sonst niemand was an. Glauben hat keine soziale Wirkung, er bildet keine Gemeinschaften oder Netzwerke oder was auch immer, jeder macht das mit sich selber aus und so machen es alle.
Das ist übrigens ziemlich genau die Stimmung, wie sie auch in der Antike herrschte, in den Jahrzehnten nach der Zeitenwende. Wenn es nicht um Machtfragen ging, war es eine ziemlich liberale und multikulturelle Zeit, die jedem erlaubte, selbst zu bestimmen, ob, wie und woran er glaubt und dementsprechend bunt war die religiöse Landschaft. Der alte griechisch-römische Götterhimmel lebte noch, war aber schon ein bisschen angestaubt, es gibt Mysterienkulte, Erlösungsreligionen, unzählige Rituale, die unterschiedlichsten Philosophien, es wurden Opfer dargebracht, oft verbunden mit offiziellen und repräsentativen Gastmählern, Symposien, zu denen es eine Ehre war, eingeladen zu werden. Der Hebräerbrief richtete sich wahrscheinlich an die Christen in Rom. Damals hatte Rom um die eine Million Einwohner, war also so groß wie Köln, für damalige Verhältnisse eine riesige Metropole, mit einem brodelnden religiösen Kosmos. Die Menschen suchten Sinnstiftung, Heil und Identität, nach Unsterblichkeit, nach starken Gemeinschaftserlebnissen, nach der Nähe zu einer Gottheit. Sie befanden sich in einer religiösen Identitätskrise, da die alten Götter nicht mehr so recht etwas taugten, aber was trat an ihre Stelle?
In einer solchen Atmosphäre trafen sich die Christen, damals noch einer verschwindend kleine Minderheit in dieser riesigen Stadt, zu ihren Tischgemeinschaften und Hausgottesdiensten. Sie hatten keine neue Lehre, keine neue Religion, keine neue Anschauung von der Welt und Göttern. Sie trafen sich zum Abendessen und erzählten sich dabei Geschichten. Geschichten, in denen ein bestimmter Mensch, den es wirklich gegeben hat, eine zentrale Rolle spielte, ein Jesus von Nazareth, der ein begnadeter Lehrer jüdischen Glaubens war, ein Seelsorger, der Menschen von Krankheiten heilen konnte, der sich mit den religiösen Funktionären in seiner Heimat Galiläa, aber auch in Jerusalem rund um den Tempel anlegte, was ihm einen Prozess wegen Gotteslästerung und die Todesstrafe einbrachte und dessen Anhänger und Schüler schon kurz danach verkündeten, er lebe und sei von Gott auferweckt worden. Ein Ritual spielte bei ihren Mahlzeiten eine Rolle, bei dem sie Brot und Wein miteinander teilten, um auf diese Weise die Gegenwart dieses Jesus von Nazareth, den sie Christus nannten, mitten unter ihnen zu feiern. An dem vor sich hin wabernden und brodelndem religiösem Leben ihrer Stadt hatten sie kein Interesse, sie machten einen ganz klaren Unterschied. Allerdings, so einfach war das auch wieder nicht, denn sie waren ja nicht nur Mitglied oder Teilnehmer ihrer Hauskirche. Sie waren auch Bürgerin oder Bürger ihrer Stadt, sie hatten Nachbarn und Kollegen, sie hatten ihre Familie, sie waren Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, sie hatten vielleicht eine Funktion im öffentlichen Leben, sie hatten Verpflichtungen, sie mussten politisch Rücksicht nehmen. Sie waren also vielfältig in das gesellschaftliche Leben eingebunden. Von Paulus wissen wir, dass dies auch immer wieder Konflikte verursachte. Die Erwähnung von „mancherlei und fremden Lehren“ und der Speisegebote spielt darauf an. Die Christinnen und Christen mussten immer wieder um ihre Identität kämpfen, und der Unterschied, den sie machten – und das ist heute nicht anders! – war nicht immer so ganz eindeutig und so ganz sichtbar.
Aber was war es denn, was den Unterschied machte und was die Christinnen und Christen so ganz anders machte? Damals wie heute waren und sind die Menschen, ob religiös oder unmusikalisch, ob gläubig oder nicht, ob fromm oder weltlich, ob links oder rechts, ob schwärmerisch oder nüchtern oder was auch immer, von der Sehnsucht getrieben, in Berührung mit Gott, mit dem Göttlichen, mit der Gottheit, mit dem, um es mit Goethe zu formulieren, „was die Welt im innersten zusammenhält“, in Berührung zu kommen. Darum dreht sich das alles. Augustinus hat das auf die Formel gebracht, „unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir“. Dabei geht die Initiative immer vom Menschen aus. Er ist es, der in Kontakt kommen möchte. Er ist es, der die Beziehung aufbaut. Er ist es, der sich berühren lässt.
Dagegen haben die Christinnen und Christen eine Gottesbegegnung in der Regel nicht angestrebt. Sie waren an dem religiösen Zirkus um sie herum meistens nicht sonderlich interessiert. Wenn sie dennoch Gott begegnet sind, dann ging die Initiative nicht von ihnen aus. Sondern von Gott. Gott hat sie angesprochen, nicht sie Gott. Aber sie haben geantwortet. Es ist das Geheimnis jüdischen und christlichen Glaubens, dass die Initiative von Gott aus geht. Der Sinai-Bund wurde von Israel nie angestrebt. Das war Gottes Initiative, die er niemals zurücknehmen wird. Die Geschichte Jesu und der Neue Bund sind ebenso Gottes Initiative. Irreversibel! Durch Jesus wurde der Gott Israels auch zu unserem Gott, ohne dass wir Israeliten wurden. Aber nicht wir haben ihn dazu gemacht. Nicht wir haben in angerufen, sondern er uns. Es ist kein Wunder dass die Bibel voll von Berufungsgeschichten ist. Gott ist es, der uns Ahnungslose antrifft, wir hatten das nicht auf unserer To-Do-Liste. Aber wir haben reagiert, den Ruf gehört und geantwortet. Es ist die Eigenart dieses Rufes Gottes, dass er nicht zurückgenommen wird, unter keinen Umständen.
Es gibt also einen sehr engen Zusammenhang zwischen diesen beiden Kernsätzen unseres Predigttextes aus dem Hebräerbrief: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Das bleibt. Daran wird sich nichts ändern. Als Fundament ist das unerschütterlich. Das ist es, wodurch das Herz fest wird. Es geschieht durch Gnade, durch die Initiative Gottes. Ein festes Herz führt zu Gelassenheit. Ein festes Herz erlaubt es uns, dass wir aufatmen, uns entspannen, loslassen können. Und nicht wir sind es, die dafür sorgen, dass das Herz fest werde, sondern Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Damals, es war die Zeit der zweiten, dritten Generation, damals wie auch heute herrschte nach der ersten großen Aufbruchsphase Ernüchterung. Es gab erste Erschöpfungen und Ermüdungen. Die Gottesdienste wurden zunehmend schlecht besucht, Begeisterung und Leidenschaft ließen deutlich nach. Aber das kann Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit nichts anhaben. Der bleibt. Unerschütterlich. Und der ist es, der uns das Herz fest werden lässt.
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