EKiR.info Nr. 6 (Dezember 2025) - finanzstrategie.ekir.de
„Wir werden schwierige Entscheidungen zu treffen müssen. Vor allem für die Betroffenen ist das emotional belastend“. Das schreibt der Präses auf der Titelseite des „EKiR.info“ Nr. 6 von Dezember 2025. Gleich im nächsten Satz spricht er von „viel Bedacht und klugen Ideen“, mit denen der Prozess begleitet wird. Worum es sich bei diesen Entscheidungen handelt, wird mit keinem Wort erwähnt. „Jeder Kirchenaustritt… hat finanzielle Folgen“ - so begründet er den Konsolidierungsdruck, der zum Einsparziel von 33 Millionen bis 2030 geführt hat. Zugleich räumt Oberkirchenrat Boecker bei den Steuereinnahmen eine hohe Schwankungsbreite – „und zwar in beide Richtungen“ - ein. Noch für 2025 ist ein Anstieg des Verteilbetrages zu erwarten. Damit gibt er zu, dass seriöse und belastbare Aussagen über die Entwicklung der Kirchensteuern nicht möglich sind.
Neben den Schwierigkeiten beim Übergang zum Neuen Kirchlichen Finanzsystem haben schon bisher Zusammenlegungen, Regionalisierungen und Zentralisierungen eher zu Kostensteigerungen als zu Einsparungen geführt. Das ist auch logisch, weil sie stets mit Kommunikations-, Abstimmungs-, Regulierungs- und Evaluierungsbedarf, also mit zusätzlichem Gremien- und Verwaltungsbedarf verbunden sind. Dass das so weitergeht, daran lässt Landeskirchenrätin Antje Hieronymus im Interview auf Seite 6 keinen Zweifel: „Das Entwickeln einer ‚Mixed Ecology‘ mit gemeindlicher Vielfalt erfordert viel Kommunikation, Begleitung und Kreativität. Hierzu werden überschaubare Räume und entsprechende Ressourcen notwendig sein.“ Und später sagt sie: „Hierfür müssen ausreichend Ressourcen bereitgestellt werden und gegebenenfalls Beratung und Unterstützung von außen eingeholt werden.“ Um all das leisten zu können, werden Gemeindeberatung, Lotsen für die Schnittstellen und Gemeindemanagerinnen „vielleicht noch wichtig als bisher“. Die Landeskirchenrätin spricht also von kräftig steigenden Ausgaben, die durch die Reformen („Transformationsprojekte“) nötig sind.
Was für sie geopfert wird, soll sorgfältig vor der kirchlichen Öffentlichkeit verborgen werden. Die Formulierung strategischer Leitlinien und die Erarbeitung von Vorschlägen werden von 60 Personen – „mit viel Bedacht und guten Ideen“ – in verschiedenen Arbeitsgruppen erarbeitet. Eine weitere Arbeitsgruppe entwirft ein „visionäres Zukunftsbild kirchlicher Aufgaben", das als "zusätzlicher Kompass für die inhaltliche Ausrichtung der Maßnahmen" dienen soll. Auf der Website "finanzstrategie.ekir.de" finden sich dazu außer einigen hinhaltenden Bemerkungen keine Informationen dazu. Sie sind offensichtlich entfernt worden. Warum? Bis in die – um einen Tag verkürzte – Synode hinein soll die Geheimhaltung fortgesetzt werden, "ehe ein Redaktionsausschuss… die Änderungen zu eine Gesamtvorlage für das Plenum bündeln soll“. Aus der Formulierung "Gesamtvorlage" ist zu schließen, dass gesamte Paket mit nur einer einzigen Abstimmung beschlossen und in Kraft gesetzt werden soll.
Dieser Umgang mit der kirchlichen Öffentlichkeit ist ein Skandal. Die Mitglieder unsere Kirchen und die Gemeinden werden auf unerträgliche Weise bevormundet, offensichtlich mit der Begründung, es handele sich ja "nur" um die landeskirchliche Ebene, nicht um Gemeinden und Kirchenkreise, die das nichts angehe. Aber wieso haben die da kein Mitspracherecht? Zwar wird festgestellt, dass "unsere presbyterial-synodale Ordnung... von Beteiligung, Vielfalt und dem Zusammenspiel verschiedener Ebenen (lebt)", vorher bittet man aber um Verständnis, "dass die Arbeiten aktuell unter Vertraulichkeit stattfinden und daher derzeit keine Zwischenergebnisse veröffentlicht werden". "Wir setzen erfahrungsbezogen ein", behauptet die Kirchenleitung, die einen "induktiven Ansatz" verfolgt, also von Einzelfällen auf das Ganze schließt, und offenbar aus "innovativen Ideen" und "impliziten Strategien" unter Ausschluss der Öffentlichkeit allgemein geltende Regeln und Verhältnisse ableiten will. Ebenso ist es ein Widerspruch, "nicht von vorhandenen Institutionen" her zu denken und zugleich "breit aufgestellt mit vielen Kontaktflächen – in Bildung, Diakonie, Ökumene, Gottesdienst, Verkündigung" zu bleiben. Wie soll das gehen? "Wir denken von inhaltlichen Zielen her", aber diese werden in von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschirmten Zirkeln der kirchlichen Funktionärinnen und Funktionäre festgelegt. Die Ergebnisse werden dann - als Fakten! - der erstaunten kirchlichen Öffentlichkeit vorgelegt, von der man offensichtlich erwartet, dass sie daraufhin den Präses, die Kirchenleitung und die Synode dafür feiert.
Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die Evangelische Kirche im Rheinland keineswegs eine demokratische Veranstaltung ist (womit ich mich schon bei früherer Gelegenheit befasst habe). Das Ganze erinnert eher an Räte-Demokratien vergangener staatssozialistischer Systeme, die sehr schön etwa im kürzlich erschienen "Narrenschiff" von Christoph Hein aus der Innenperspektive dargestellt werden. Die nicht frei gewählte Synode, deren Mitglieder lediglich delegiert oder qua Amt bestellt sind, wird mitnichten ein Gegenüber zur Kirchenleitung darstellen, sie wird schwach sein und folgsam abnicken, was ihr vorgesetzt wird.
Dieser bevormundende Umgang mit ihnen zeigt sich auch in dem Bericht von Maren Kockskämper über die Mitgliederkommunikation („Individuelle Kommunikation zu verschiedenen Lebensereignissen“) auf Seite 7. Die Kirche soll mit ihren Mitgliedern umgehen wie Unternehmen mit Kunden, die ihre Produkte erwerben sollen. Sie werden „mit liebevollen Materialien - etwa Glückwunschkarten, Mulltüchern und Tattoos“ bei Laune gehalten. Aber Mitbestimmung, Mitwirkung und Mitverantwortung wird ihnen weder zugemutet noch ermöglicht. Was einst Priestertum der Getauften genannt wurde, spielt keine Rolle mehr.
Zur gleichen Zeit verblasst das Erscheinungsbild der Evangelischen Kirche in der Öffentlichkeit zunehmend und es wird immer schwerer, Menschen ein Engagement in der Evangelischen Kirche plausibel zu machen. Der Mitgliederverlust entwickelt sich von einer Ursache für die gegenwärtigen Lage zu einer Folge von Ihr. Der Weg führt ins Abseits und in die Bedeutungslosigkeit.
Das wird sich ändern, sobald Kirchenleitung und Synoden die Bildung von Gemeinden fördern, die vor Ort und in überschaubarer Größe für sich selbst Verantwortung übernehmen und Raum geben, von der Freiheit eines Christenmenschen Gebrauch zu machen. Das Wachstum von unten an Stelle der Steuerung von oben wird zugleich ein deutliches Spar-Potenzial eröffnen. Vieles, was heute die kirchlichen Haushalte belastet, würde dann entbehrlich. Irgendwann wird das so kommen. Die Frage ist nur, wann.
(Dieser Text wurde am 12. Dezember 2025 eingestellt und am 29. Dezember überarbeitet)
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