Predigt 1. Advent 2025, Nijmegen Lutherse Kerk über Luthers Adventslied und Matthäus 21,1-9
Schamasch hieß der Sonnengott der alten Babylonier, einer der eher wichtigen Götter am babylonischen Götterhimmel, der am Morgen aus seinem Berg Maschu im Osten aufbricht, seine Bahn zieht und am Ende des Tages tief im Westen verschwindet, um in der Nacht durch eine Art Tunnel zurückzukehren zum Ausgangspunkt, um von dort erneut seinen Weg über den Himmel zu nehmen. Schamasch war die Gottheit die zuständig war für die Gerechtigkeit, die Weltordnung und: die Wahrheit, die Wahrhaftigkeit. Ihm wird wohl einer der größeren Tempel gewidmet gewesen sein in dieser an Tempeln reichen, beeindruckenden Metropole
Als die Israeliten dort, nach ihrer Niederlage gegen die Babylonier, ins Exil gerieten, siedelten sie sich am Rande der großen Stadt an. Sie konnten sich frei bewegen und nahmen am Leben der Stadt teil. Ihnen wird es ein wenig so ergangen sein, wie Protestanten, die nach Rom kommen: Sie sind fasziniert von der im wahrsten Sinne heiligen Stadt mit ihren unzähligen Kirchen, Heiligtümern und Kunstschätzen – aber irgendwie sind sie auch fremd in dieser Stadt. Die Israeliten hatten ihre Geschichte mit dem einen Gott, der sie erwählt hatte und der einen Bund mit ihnen geschlossen hat und gerade in den Jahren des Exils haben sie intensiv darüber nachgedacht und sich darauf besonnen. So ließen sie sich von der babylonischen Götterwelt und der großen Stadt, gegen die Jerusalem nur eine Kleinstadt war, beeindrucken und sie konnten über sie staunen und sie bewundern. Aber sie blieb ihnen fremd. Das war Babylon. Das war nicht ihre Stadt und nicht ihre Welt.
Und doch hinterließ sie auch bei ihnen ihre Spuren. So tauchte in verwandelter Gestalt der Sonnengott Schamasch auch in ihren Psalmen wieder auf. „Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht;“ lesen wir in Psalm 19, wobei die Sonne im Hebräischen (wie z. B. auch im Lateinischen oder Französischen) männlich ist, also: „er geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen die Bahn. Er geht auf an einem Ende des Himmels / und läuft um bis wieder an sein Ende, und nichts bleibt vor seiner Glut verborgen.“ Da ist der Sonnengott wieder – als Held in seiner Großartigkeit. Aber eben nicht mehr als Gott, sondern als Geschöpf, von Gott dazu geschaffen, seine Ehre zu erzählen. Israel entgöttert das Universum und den Himmel und macht aus allem seine Schöpfung, deren tiefer Sinn es ist, Gott zu loben – was in der damaligen Welt des Nahen Ostens einzigartig war und nirgendwo Parallelen hatte.
Im vierten Jahrhundert nach Christus war es Bischof Ambrosius von Mailand, der sich von diesem Psalm inspirieren ließ und selbst einen Psalm, einen Hymnus schrieb, der unter dem Titel: „Veni redemptor gentium“ bekannt geworden ist: Komm, du Erlöser der Völker, mache offenbar die Geburt der Jungfrau. Alle Welt soll sich wundern: Solch eine Geburt ist Gottes würdig. (…) Es trete hervor aus seinem Schlafgemach, aus dem Königssaal der Keuschheit, der Held von zweifachem Wesen, eifrig eilt er seinen Weg.“ Die Israeliten hatten die Sonne, den Held, der seine Bahn eilt, entgöttert und ein Geschöpf Gottes gemacht und Bischof Ambrosius (der die babylonische Vorgeschichte nicht kennen konnte) macht aus diesem Sonnenheld den Christus – und er verbindet es mit dem Gedanken der Jungfrauengeburt. Dazu muss man wissen: Als Ambrosius lebte und wirkte, fand in Nizäa im Jahr 325 das ökumenische Konzil statt, auf der für die ganze Kirche, für alle Zeiten und bis heute auch für uns Evangelische verbindlich das Verhältnis zwischen Jesus und Gott geklärt wurde: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen“.
In gleicher Weise, wie dieses nizänische Glaubensbekenntnis von den Reformatoren übernommen und als verbindlich anerkannt wurde, hat Martin Luther, der ja auch ein Liederdichter war, diesen Hymnus des Ambrosius genommen und ein Lied in seiner Sprache, für die Gemeinde singbar gemacht. Er hat es dabei inhaltlich nicht verändert, sondern nur in seine Sprache und das Denken seiner Zeit übersetzt.
1. Nun komm, der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, dass sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt.
2. Er ging aus der Kammer sein, dem königlichen Saal so rein, Gott von Art und Mensch, ein Held; sein’ Weg er zu laufen eilt.
3. Sein Lauf kam vom Vater her und kehrt wieder zum Vater, fuhr hinunter zu der Höll
und wieder zu Gottes Stuhl.
4. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar. Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein.
5. Lob sei Gott dem Vater g’tan; Lob sei Gott seim ein’gen Sohn, Lob sei Gott dem Heilgen Geist immer und in Ewigkeit.
Es ist immer die gleiche Bewegung: Der Held bricht auf, zieht seine Bahn, durchschreitet das ganze Universum, ja sogar bis zur Hölle und kehrt am Ende dorthin zurück, zu Gott, wo er aufgebrochen war.
Der erste Adventssonntag ist diesem himmlischen Helden gewidmet. Im 24. Psalm werden die Tore des Tempels geöffnet, damit Gott in seiner Herrlichkeit einziehen kann. Im Evangelium, dem Einzug Jesu in Jerusalem, wird Jesus als Held gefeiert, ihm gebührt alle Ehre, die Menschen empfangen ihn mit großer Begeisterung.
Der Advent – und insbesondere der erste Adventssonntag – erinnert uns daran, dass wir zur Wegbereitung berufen sind. Im alten Israel (eben so, wie im 24. Psalm) öffnen sie die Tore des Tempels, um den kommenden Gott den Weg zu bereiten, ihn gebührend zu empfangen und seine Ankunft vorzubereiten. So tun es die Menschen in Jerusalem, als sie für den ankommenden Jesus die Kleider auf dem Weg ausbreiten und Zweige, die sie von den Bäumen abhauten, auf den Weg streuten.
Ich habe am ersten Adventssonntag gerne mal die Geschichte vom Bundespräsidenten erzählt, der nach Düsseldorf kommt – und keiner wusste Bescheid, weil auf Grund irgendeines Fehlers die Information über seinen geplanten Besuch nicht weitergeleitet wurden und niemand benachrichtigt wurde. Hier muss ich die Geschichte natürlich von König Willem-Alexander erzählen, der nach Nijmegen kommt. Er rechnet damit, wie er es gewohnt ist, von den Honoratioren Nijmegens und der Bevölkerung feierlich begrüßt zu werden. Als er hier ankommt, ist niemand da. Irgendwer hat vergessen, den Besuch des Königs anzukündigen, also rechnet keiner mit ihm. Er steigt aus, denkt, wie komisch, keiner da, und steigt wieder in sein Fahrzeug und fährt zurück in seine Residenz. Der König war da, aber niemand hat es gemerkt.
Stell dir vor, Gott kommt in seine Welt, und keiner weiß Bescheid. Keiner merkt, dass Gott in die Welt kommt, dass er in der Welt war. Stell dir vor, Jesus ist auf dem Weg zu uns, aber niemand ist informiert, niemand bekommt mit, wie er mitten unter uns ist.
Unsere Aufgabe, unsere Berufung ist es, den kommenden Gott, den kommenden Christus den Weg zu bereiten. Dem dient alles, was wir in unserer Kirche und in unseren Gemeinden tun. Der Kommende kommt, seine Ankunft steht unmittelbar bevor und wir machen alles fertig, wir bereiten alles vor. Wenn wir das nicht tun, wie sollen die Menschen dann merken, dass Gott gekommen ist?
Zur ganzen Geschichte gehört, dass wir einen ihm gebührenden Empfang bereiten. Mit Pauken und Trompeten, mit Schlagzeilen und Liveübertragung. Aber schon das Lied „Nun komm der Heiden Heiland“ deutet mit dem Hinweis auf die Krippe an, dass es doch ganz anders kommen wird. Es wird eine Ankunft im Stillen, im Verborgenen sein. Nicht unbemerkt, gewiss unter Zeugen, aber die Zeitungen, Fernsehsender und Medien werden darüber nicht berichten. Die Himmelstore werden sich nicht unter dem Klang der Posaunen und im Licht der Scheinwerfer öffnen. Es wird eine Ankunft sein wie jede Ankunft, wie die Ankunft eines jeden Menschen, der in der Welt und im Leben ankommt. Er wird schlicht und einfach geboren werden. Die Geburt eines Kindes ist immer ein anrührendes Ereignis. Aber es ist normal, so wie die Geburt von tausenden von Kindern auf der ganzen Welt an diesem Tag normal ist. Und er wird verborgen bleiben, es wird ein Weg in die Niedrigkeit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Wir haben ihn für nichts erachtet. So werden wir in Jesaja 53 lesen.
Eine Ankunft im Verborgenen. Aber nicht unbemerkt. Unter Zeugen. Gott drängt sich nicht auf. Er erscheint denen, die auf ihn achten, die Ausschau halten, die vorbereitet sind. Die Ankunft ist die normale Geburt eines Menschen in ärmlichen Verhältnissen. Und doch wird es was zu sehen geben. Dem Glaubenden werden die Augen geöffnet. Wer glaubt, wird das Licht sehen, wird Gott schauen, wie er in die Welt kommt und wie er in der Welt ist. Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar. Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein.
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