Predigt über Lukas 21,25-33 im Altenberger Dom, 2. Adventssonntag 2025
Wir leben in einer Zeit die voll von Religion ist. Religion wabert überall und dringt durch alle Ritzen. Dass wir einem religionslosen Zeitalter entgegengehen, hat sich in keiner Weise bestätigt. Echte Atheisten oder Materialisten oder Nihilisten wird man heute kaum finden. Für unsere Zeit typisch sind eher die Agnostiker, die sich nicht festlegen. Alle lassen alles offen. Vielleicht ist es so, aber es kann auch ganz anders sein. Niemand schreibt irgendjemandem vor, was einer zu glauben hat und was nicht. Wir leben in Religionsfreiheit, und jeder kann nach seiner Facon selig werden. Jeder kann sich aus einem unerschöpflichen Vorrat an Bildern, Vorstellungen, Anschauungen, Weisheiten, Lehren das heraussuchen, was er gerade braucht und für sich zurechtlegen, was für ihn die Welt im Innersten zusammenhält. Das kann aber morgen schon wieder was ganz anderes sein. Wie es gerade hinkommt.
"Möge die Macht mit dir sein!" - Dieser Satz aus der Welt von Star Wars, den man oft hört, ist für unsere Zeit kennzeichnend. Die Macht, die uns umgibt, durchdringt und uns alle miteinander verbindet - diffus, undefiniert, irgendwie da, weder gut noch böse, nur ein Werkzeug und es liegt an uns, wie wir sie nutzen. Das ist Religion - nicht fassbar, aber auch nicht verzichtbar. Die Mächtigen kommen ohne Religion nicht aus - Putin nicht ohne die russische Kirche, Trump nicht ohne die Evangelikalen, Netanjahu nicht ohne die Orthodoxen, der Iran nicht ohne die Schiiten, die Saudis nicht ohne die Sunniten, und sollte je die AFD bei uns zum Macht und Würden kommen, würden auch Sie die Kirche nutzen und es würde gewiss auch bei uns wieder deutsche Christen geben. Religion ist für uns das, was das Wasser für einen Fisch ist - zum Überleben nötig, aber nicht zu fassen. Bitten Sie mal einen Fisch, zu erklären, was Wasser ist. Alles, würde er sagen, oder nichts.
Als Evangelische Kirche haben wir, wenn es um Religion geht, nichts zu bieten. Natürlich ist das Christentum eine der großen Weltreligionen und in diesem Sinne ist auch der Protestantismus eine Religion. Aber was wir zu bieten haben ist nicht Religion. Und doch – wir sind immer wieder in der Versuchung, es auf religiöse Weise zu versuchen. Immer wieder, wenn wir versuchen, Gott zum Reden zu bringen, kommt Religion ins Spiel. Kein Wunder, einen Gott der nicht redet, ist kaum auszuhalten. Und wie oft der schweigt!? Immer wieder versuchen wir auf verschiedene Weise, ihn zum Sprechen zu bringen. Ich war mal Pfarrer in einer Gemeinde, in der es sehr fromme Menschen gab, die machten am Morgen ihre Stille Zeit, mit dem Ziel, dass Gott mit einem spricht. Da gehen ihnen dann irgendwelche Gedanken durch den Kopf oder ihnen fällt irgendwas ein - und das halten sie dann für Worte Gottes und sie erzählen später, was Gott zu ihnen in der Stillen Zeit gesagt hat und was er von ihnen will, und sie merken nicht, dass sie sich das selber gesagt haben. Der Versuch, Gott zum Sprechen zu bringen, das kann man Religion nennen. Nur, dass das meistens nicht funktioniert.
Wer also an die evangelische Kirche diese Erwartung hat, sie möge Gott zum Sprechen bringen, wird auf kurz oder lang enttäuscht werden. Das haben wir nicht in unserem Angebot. Wir bieten etwas anderes: Nicht, wie wir Gott zum Sprechen bringen. Sondern dass Gott gesprochen hat. Das ist der Inhalt unserer Botschaft. Gott hat gesprochen. Es sind einzelne Menschen gewesen, zu denen er gesprochen hat. Z.b Abraham. Geh aus deinem Vaterhaus in ein Land dass ich dir zeigen werde. Oder zu Jakob. Von nun an sollst du Israel heißen. Oder zu Mose. Ich werde sein, der ich sein werde. Oder zu Nathan, dem Propheten Davids. Nicht du sollst mir ein Haus bauen, sondern ich will dir ein Haus bauen. Oder zu den großen Propheten. Oder zu Jesus von Nazareth. Oder zum Apostel Paulus. Es sind immer einzelne Menschen gewesen, zu denen Gott gesprochen hat. Aber diese Menschen waren nie alleine. Da waren andere um sie, und die haben den Menschen, zu denen Gott gesprochen hat, sehr genau zugehört. Sie haben das gelernt, auswendig gelernt, das auswendig lernen spielte in biblischer Zeit eine ganz entscheidende Rolle, weil Material zum Schreiben noch sehr selten und sehr teuer war. Das, was sie auswendig gelernt haben, haben sie weitergegeben, von Generation zu Generation und irgendwann ist es aufgeschrieben worden und das Aufgeschriebene wird bis zum heutigen Tag gelesen und wieder gelesen und ausgelegt und interpretiert und gepredigt.
Wir werden Gott nicht zum Sprechen bringen. Aber er hat gesprochen. Gott ist und bleibt für uns unbegreiflich. Aber sein Wort ist greifbar. Wir können Gott nie haben. Aber wir haben sein Wort. Wir können Gott nie besitzen. Aber wir besitzen sein Wort. Gott bleibt für uns unverfügbar. Aber über sein Wort verfügen wir. Gott hat uns sein Wort gegeben, und er hat sich daran für immer gebunden. Er hat noch nie ein Wort, dass er ausgesprochen und gegeben hat, zurückgenommen. Die Verheißung, die er Abraham gegeben hat, der Bund vom Sinai mit Israel (ohne den es auch den modernen Staat Israel nicht gäbe), die Weissagung Nathans an David, die Worte Jesu, die er im Namen Gottes gesprochen hat, die Verkündigung des Gekreuzigten und Auferstandenen durch die Apostel, der Bund, den Gott mit jedem von uns in der Taufe geschlossen hat, all das macht er nie rückgängig. Er kann das gar nicht! Gott kennt keine Lügen, er kann uns nicht betrügen, er hat sich gebunden an sein Wort. Er hat sein Wort gegeben zu einem neuen Leben, Gott lügt nicht – so haben wir als Jugendliche gesungen. Wir haben sein Wort – wir haben es schriftlich! Wir verwalten es und wir untersuchen es wissenschaftlich.
Es ist nicht Religion, was wir als evangelische Kirche bieten – es ist dieses Wort, dass Gott uns gegeben hat, über das wir verfügen, dass wir besitzen und dass uns nichts auf der Welt nehmen können - das ist es, was wir der Welt geben können und den Menschen um uns herum. Sonst haben wir nichts. Vielen erscheint gerade die evangelische Kirche als trocken, ein bisschen dröge und langweilig und sie macht so überhaupt nichts her. Eine Papstmesse auf dem Petersplatz oder ein Abschlussgottesdienst zu einem evangelischen Kirchentag – da liegen Welten zwischen. Ich habe, als ich hier in Altenberg war, immer große Freude an den großen festlichen katholischen Gottesdiensten in dieser wunderbaren Kirche gehabt und ich habe sie auch oft mit gefeiert und bin, glaube ich, in der Mitfeier des katholischen Gottesdienstes doch auch ziemlich geübt, aber das immer mit dem Wissen, der trockene spröde Protestantismus – das ist meine eigentliche geistliche Heimat und wird sie bleiben. Und zwar deswegen, weil die evangelische Kirche wie sonst keine Kirche auf der Welt das Wort in den Mittelpunkt stellt, das faszinierende Wort Gottes.
Aber da du stellst dich eine Frage, brauchen wir dann eigentlich noch eine Kirche? Das Wort Gottes haben wir unabhängig von der Kirche. Das hätten wir auch ohne Kirche. Die Taufe verliert ihre Gültigkeit nicht, wenn der oder die getaufte aus der Kirche austritt. Der christliche Glaube, der Christusglaube, hängt nicht an der Kirche als allein am Wort Gottes. Wir predigen nicht die Kirche. Wir predigen allein das Wort Gottes. Es ist allein das Wort Gottes, dass uns richtet und ruft, dass uns heilt und versöhnt.
Die andere Seite ist, dass sich das Wort Gottes nie ohne Kirche ereignet. Wo es Glauben weckt, wo es auf Glauben stößt, entsteht zwangsläufig und automatisch und ganz von selbst Kirche. Das kann man wunderbar am Neuen Testament studieren. Jesus selbst hatte am Thema Kirche so gut wie kein Interesse. Als die Apostel ihr öffentliches Wirken begannen, hatten sie nicht einmal im Ansatz ein Konzept, was eine Kirche ist wie eine Kirche aussehen könnte, und auch Paulus hat sich erst dann Gedanken über die Kirche gemacht, als es Probleme gab und die Dinge geregelt werden mussten. Ämter und Strukturen und Ordnungen der Kirche haben sich erst nach und nach entwickelt. Das kam alles von selbst. Plötzlich war sie da, die Kirche.
Das Wort Gottes ist kein Produkt der Kirche. Es ist nicht so, dass man eine Kirche gründen oder bauen müsste, um das Wort Gottes verkünden zu können. Vielmehr ist die Kirche ein Produkt, oder traditionell gesagt, einen Geschöpf des Wortes Gottes, creatura verbi. Sie entsteht und wächst ganz von selbst, da, wo sich das Wort ereignet. Was aber auch bedeutet, dass nur das wirklich Kirche ist, was das Wort Gottes bewirkt.
Der zweite Adventssonntag ist der unruhigste der vier Adventssonntage. Am ersten Adventssonntag werden feierlich die Tore aufgetan, damit Gott einziehen kann. Am dritten Adventssonntag steht Johannes der Täufer und seine Bußpredigt im Blickpunkt und der vierte Adventssonntag ist so etwas wie ein evangelischer Mariensonntag. Aber am zweiten Adventssonntag wird den Völkern bange sein, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Doch seht auf und erhebt eure Häupter, Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich, so sagt es der zweite Jesaja, und: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.
Dieses Wort Gottes, die Worte Jesu stellen einen vernichtendes Urteil über dein Leben und über die ganze Welt aus. Aber es spricht dich frei von diesem Urteil, weil es schon vollstreckt ist und es versöhnt die ganze Welt. Der Frieden ist Wirklichkeit, nur dass die Welt davon noch nichts weiß. Es gewährt dir Freiheit, es drängt sich die nicht auf und du kannst ganz frei entscheiden, ob du dieses Wort hören willst oder nicht, ob du ihm glaubst oder nicht. Es ruft und beruft dich, es überträgt dir Verantwortung, aber du bist es, der oder die entscheidet, sie zu übernehmen und den Ruf zu hören.
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