Übungen zum Gebet und wie man Gott begegnet

Der “zweite Jesaja” (Jes 40-55) unterscheidet sich von den anderen Propheten des Alten Testamentes dadurch, dass er seine Zuhörer duzt: “Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!” (Jesaja 43,1). Er meinte allerdings nicht Einzelne, sondern die Exilgemeinde insgesamt, sie ist es, die mit “Du” angesprochen wird. Aber jeder, der die Verkündigung des zweiten Jesaja hört, muss das Gefühl haben, er sei persönlich gemeint. Bisher hatten die Propheten ihre Botschaft an Israel als Ganzes oder an seine Repräsentanten gerichtet. Der Sinaibund war einst mit Israel als Ganzem geschlossen, und jeder Israelit stand in einem Bundesverhältnis mit Gott allein dadurch, dass er zu Israel gehörte. Der zweite Jesaja lässt mit seinem Redestil die Wendung vom kollektiven zu einem persönlichen Glauben sichtbar werden. Das “Du” - und zwar in beiden Richtungen! - wird zum Grundwort. Es zeigt sich, dass die Einzelnen nicht nur, weil sie dem Bundes-Volk angehören, ein Verhältnis zu Gott haben. Vielmehr erleben sie die Beziehung zu Gott als eine persönliche, eine zwischen zwei Personen, der Person des Betenden und der Person Gottes. Der Betende spricht nicht mehr über Gott, sondern zu und mit ihm. Er spricht ihn mit Du an und er wird von ihm mit Du angesprochen. Gott meint “dich” persönlich. Das geschieht im Gebet. Wir sprechen im Gebet mit unserer Sprache, der gleichen, die wir auch im alltäglichen Umgang mit den uns umgebenden Menschen verwenden. Es bedarf dazu keiner besonderen, etwa liturgischen, poetischen oder feierlichen Sprache. Aber das entscheidende am Beten ist, dass nicht nur ich mit Gott spreche, sondern er auch mit mir – und, so wie ich meine Sprache dafür gebrauche, so braucht er seine Art und Weise zu sprechen. Beten ist nicht nur sprechen, sondern hören, hinhören und darauf achten, was mir begegnet. Gott antwortet auf das Gebet, indem er sich zu erkennen gibt, was aber nur möglich ist, wenn wir tatsächlich darauf achten. Und damit ist das Beten ein sehr intimer, persönlicher Vorgang, bei dem ich mich von anderen absondere und für mich bin. Das gemeinsame Beten in der Gemeinschaft oder das öffentliche Beten etwa im Gottesdienst setzt dieses persönliche Gebet voraus und lebt davon.

 

Auch dieses persönliche, einsame Gebet ist Sache der Übung. Dafür gibt es jedoch keine Prinzipien, Methoden oder Regeln. Die Betenden müssen, weil sie dabei für sich und ganz auf sich gestellt sind, ihre Erfahrungen mit dem Beten selbst und alleine machen. Dabei machen Menschen immer wieder, zumindest vorübergehend, die Erfahrung, nicht beten zu können. Sie finden die Sprache nicht, mit der sie Gott ansprechen können und erleben ihn als schweigend, abwesend oder gleichgültig. Das veranlasst viele, sich gar nicht erst auf das Beten einzulassen, weil sie solchen Anfechtungen dann gar nicht erst ausgesetzt werden. Nur den bewusst und willentlich Betenden widerfahren solche Erfahrungen von Gebetsohnmacht oder ausbleibenden Gebetserhörungen. Sich auf das Gebet einzulassen ist also nicht ohne Risiko, weil dies nicht notwendig zur Begegnung mit Gott, sondern durchaus auch zu einer – dann schmerzhaften – Entfremdung von ihm führen kann.

 

Paulus sind solche Erfahrungen keineswegs fremd. Deswegen schreibt er im Römerbrief (8,26): “Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.” Damit nimmt er denen, die so etwas erleben – also “nicht zu wissen, was wir beten sollen” - die Last ab, sich selbst um das Beten zu sorgen. Sie sind es ja nicht selbst, die beten, sondern der Geist selbst tut das in ihnen für sie, indem er mit unaussprechlichem Seufzen für sie eintritt. Wenn jemand sich zu leer fühlt, um beten zu können, oder Gott als nicht da erlebt, heißt nicht, dass er wirklich leer ist und dass Gott wirklich abwesend ist. Wir beten, in dem wir dem Geist Raum geben, in uns und für uns zu beten und darauf zu achten, wie er das tut – aber er tut es auch, wenn wir davon gar nichts wahrnehmen.

 

Wer aber gleichwohl nach einer Sprache für sein Gebet sucht, wird bei den biblischen Psalmen innerhalb und außerhalb des Psalters fündig. Hier finden sich nahezu alle Lebenslagen wieder, die das Beten veranlassen. Die Psalmen sind das stärkste Band, das uns mit Israel verbindet, denn wir benutzen seine Worte, mit denen wir unsere Anliegen benennen und zum Ausdruck bringen, was in uns vorgeht. Wenn die eigenen Worte fehlen, können die Psalmen an die Stelle treten. Hier sind es – und je jünger die in vielen Jahrhunderten entstanden Psalmen sind, um so mehr – die Einzelnen, die sich an Gott werden und ihre Worte formulieren. Das Vaterunser dagegen, mitsamt der damit verbundenen Anweisungen in Mt 6,5-15, richtet sich an erster Linie an die, die Jesus folgen und von ihm dazu berufen sind. Sie vollziehen gewissermaßen die Nachfolge, wenn sie darum bitten, dass sein Reich komme und sein Wille geschehe.

 

Wir wenden uns im Gebet an Gott, zwischen dem und den Menschen das Verhältnis zerbrochen und die Kommunikation verstummt ist. Wir sind gottlos, also Gott los, und Gott ist menschenlos. Durch das Kreuz Jesu Christi und seine Auferstehung hat Gott den Bruch geheilt. Wir sind versöhnt und es herrscht Frieden, und das endgültig. Das ist der Grund, warum wir völlig angstfrei vor ihn treten können, warum wir völlig offen, ehrlich und wahrhaftig vor ihm sein können, nicht verschweigen, beschönigen oder verbergen müssen. Wir können allen unseren Gefühlen Raum geben, auch unserer Wut, unserer Verbitterung, unserer Ratlosigkeit, unserer Angst. Zunächst sind wir damit alleine mit Gott, wir sind „unter uns“. Aber dabei muss es nicht bleiben. Es ergibt sich, dass wir andere an unserer Gebetsgemeinschaft mit Gott teilhaben lassen, und wir nehmen Anteil am Gebet anderer. Wir teilen unseren Glauben. Darum wird es um letzten Satz der Regel gehen.

 

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