Zweites Ritual: LESEN

Eine besondere, vor allem in der evangelischen Kirche wichtige Form der Einübung in die Stille und die Meditation ist das Lesen. Dabei geht es nicht darum, dass wir den ganzen Tag ohnehin mit dem Lesen von Botschaften auf Bildschirmen, Armaturen, Anzeigen, Smartphones, Wegweisern, Hinweisschildern, in Akten, Zeitschriften, Zeitungen, von kurzen und kürzesten Texten oder Textfragmenten beschäftigt sind. Hier geht es um das geduldige Lesen - "Auf"-Lesen - von zusammenhängenden Texten, etwa eines Artikels, Aufsatzes oder Buches. Solche Texte sind ja selbst in einem meditativen, konzentrierten Vorgang entstanden und sie lösen beim Lesen wiederum Meditation, Konzentration, zuweilen auch Kontemplation aus.  Wer es gewohnt ist, Bücher und lange Texte zu lesen, kennt den "Flow" der sich dabei einstellen mag, die Eigendynamik, die es ermöglicht, ggf. stundenlang den Prozess des Lesens ohne Ermüdung fortzusetzen. Wir lesen die Bibel, sehr unterschiedliche Texte in sehr unterschiedlicher Gestalt, von sehr unterschiedlichen Menschen zu sehr unterschiedlichen Zeiten verfasst, die aber eine zusammenhängende Geschichte, auch unsere, erzählen. Sie ist entstanden, weil Menschen das Bedürfnis hatten, für andere Menschen und Zeiten festzuhalten, was sie erlebt haben, und diese haben darin ihre eigene Geschichte wiedergefunden. Aber einmal damit angefangen, lesen wir auch andere Bücher. Was wir lesen, ruft in uns Bilder hervor und lässt sie wachsen, wir "bilden" uns, sie fordern uns zum Nachdenken heraus, wie wir unsere eigene Geschichte erzählen und aufschreiben würden (bzw. werden). So werden wir sprachfähig. Wir lesen Texte, die auch andere lesen, und so entstehen Plattformen, die es uns ermöglichen, miteinander - aber auch mit anderen - ins Gespräch zu kommen. Das Wort Gottes begegnet uns in Schriftform, so dass Lesen - und Schreiben - ein wesentliches Merkmal unserer Christseins darstellt. 

 

EINÜBUNG INS LESEN

 

Wir lesen eine Geschichte, in der das Bibellesen eine zentrale Rolle spielt, nämlich die Emmaus-Geschichte Lukas 24,13-35. Sie wird zunächst vorgelesen, dann bekommenden die Teilnehmenden die Gelegenheit, sie noch einmal in der Stille zu lesen. In dem sich daran anschließenden Austausch werden drei Fragen gestellt, die streng auseinandergehalten werden: 

  • “Was steht in der Geschichte an sich?”: Die Frage nach den Fakten, was wir wissen (und was nicht), nach Informationen, die für das Verständnis wichtig sind. Hier geht es also nicht um Vermutungen, Deutungen, Wertungen etc..., sondern nur um das, was wir wissen. 

  • “Was steht in der Geschichte für mich?”: Hier hat jede(r) Gelegenheit, seine Phantasie spielen zu lassen, sich selbst in der Geschichte oder die Geschichte als Bild für die eigenen Erfahrungen zu entdecken 

  • “Was steht in der Geschichte für heute?”: Jede biblische Geschichte sagt auch etwas unsere Zeit es, was uns gemeinsam angeht oder von allgemeiner Geltung ist. Das soll im dritten Schritt herausgearbeitet und festgehalten werden. 

Für Bibelstudium und Bibelarbeit gibt es – auch, wenn nicht alles von gleicher Qualität ist - zahlreiche Medien, Bücher und Hilfsmittel. Es lohnt sich, im Internet zu recherchieren. Da ich hier keine Werbung machen möchte, gebe ich hier keine konkreten Hinweise. Die sind aber auch nicht nötig - wer sich auf die Suche begibt, wird schnell fündig werden.  

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