Sonnntagsmeditation: Wahrlich keine goldenen Zeiten!

Sacharja 9,9-10 (1. Advent, 28. November 2021) 

 

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.  

 

Man fragt sich: Warum sind sie nicht in Babylon geblieben? Sie waren keine Häftlinge, keine Kriegsgefangen, sie lebten nicht in Lagern. Im Gegenteil, sie waren wohlintegriert in der babylonischen Gesellschaft. Sie nahmen am Wirtschaftsleben teil. Es gab solche die im babylonischen Staat Karriere machten (was Archäologen herausgefunden haben). Sie waren als Zuwanderer keineswegs benachteiligt. Zugleich konnten sie zusammenbleiben. Ihre eigene Kultur, ihre Religion, ihren Glauben konnten sie weiterentwickeln. Sie hatten eigene Schulen. Die Synagoge wurde in Babylon erfunden. Große Teile ihrer Heiligen Schrift, unseres Alten Testamentes, entstanden dort. Die typischen Kennzeichen ihres Glaubens - Beschneidung, Reinheitsbestimmungen, Pessach, Schabbat - konnten sie ungehindert pflegen. In Babylon entstand eine blühende jüdische Kultur. Gut tausend Jahre später entstand dort der babylonische Talmud, das bis heute größte und bedeutendste jüdische Lehrwerk, wichtiger noch als sein Gegenstück, der Jerusalemer Talmud. 

 

Die meisten blieben auch dort - schließlich waren sie dort geboren (bis auf die wenigen Alten, die Jerusalem und den Tempel noch gesehen haben). Aber der kleinere Teil machte sich auf den Weg, als es wieder ging. Kyros, der König der Perser, hatte ein großes Interesse daran, dass es in Palästina, in der Provinzu Jehud, wieder ein funktionierendes einheimisches Gemeinwesen gab. Er erhoffte sich auf diese Weise einen Schutz vor den bedrohlichen Ägyptern. Es ging also um Politik, nicht um irgendwelche Ideen von religiöser Toleranz.

 

Und so machten sie sich auf dem Weg in die alte Heimat. Und ehrlich gesagt: Goldene Zeiten brachen für sie nicht an. Sie stießen auf die Landsleute, die im Land geblieben waren - und sie erlebten, wie beide sich fremd geworden sind. Die ersten Jahrzehnte waren von tiefen Konflikten geprägt. Die Heimkehrer wollten den Tempel wieder aufbauen. Den Opferaltar und die Grundmauern wurden auch schnell errichtet. Aber dann stockte alles. Massive Intrigen und Machtkämpfe, in denen auch der persische Staat eingewickelt wurde, blockierten den Weiterbau. Hinzu kamen die fehlenden Infrastrukturen und die Probleme des Alltags. Es hat gut zwei Jahrzehnte gedauert, bis der Tempel fertiggestellt war (515 v. Chr.). Es war ein sehr viel bescheidenerer Bau als sein Vorgänger.

 

Aber die Notwendigkeit von Tempel und Opferdienst wurden ja schon von den vorexilischen Propheten in Frage gestellt. Dieser Zwiespalt setzte sich nachexilisch fort. Uneins war man sich auch über die Rolle, die Israel und sein Glaube in der Welt spielen sollte. Die einen wollten sich streng abschotten, um den Glauben rein zu erhalten: 

 

Esra 4,1: Als aber die Widersacher Judas und Benjamins hörten, dass die, die aus der Gefangenschaft zurückgekommen waren, dem HERRN, dem Gott Israels, einen Tempel bauten, 2 kamen sie zu Serubbabel, Jeschua und den Sippenhäuptern und sprachen zu ihnen: Wir wollen mit euch bauen; denn wir suchen euren Gott wie ihr und haben ihm geopfert seit der Zeit Asarhaddons, des Königs von Assur, der uns hierher gebracht hat. 3 Aber Serubbabel und Jeschua und die andern Häupter der Sippen in Israel antworteten ihnen: Es ziemt sich nicht, dass ihr und wir miteinander das Haus unseres Gottes bauen, sondern wir allein wollen für den HERRN, den Gott Israels, bauen, wie uns Kyrus, der König von Persien, geboten hat. 4 Da machte das Volk des Landes das Volk von Juda mutlos und schreckte sie vom Bauen ab.

 

Diejenigen jedoch, die sich an jesajanischen Traditionen orientieren, besonders am zweiten Jesaja (Jes 40-66), sahen Jerusalem auch als Orientierungspunkt und Sehnsuchtsort für die Völker (vgl. etwas Jes 2,2-5). Sie rechneten damit, das auch die Völker zum Gott Israels finden würden:

 

Sacharja 8,20: So spricht der HERR Zebaoth: Es werden noch Völker kommen und Bürger vieler Städte, 21 und die Bürger der einen Stadt werden zur andern gehen und sagen: Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen mit euch gehen. 22 So werden viele Völker und mächtige Nationen kommen, den HERRN Zebaoth in Jerusalem zu suchen und den HERRN anzuflehen. 23 So spricht der HERR Zebaoth: Zu jener Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Völker einen jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.

 

Die Hoffnung auf das Davidskönigstum - also darauf, dass in Jerusalem Nachkomme aus dem Haus David wieder auf dem Königsthron sitzt - ist allerdings in diesen Jahren spürbar verblasst. Zwar hat ganz zu Anfang ein Davidide, nämlich Serubbabel, die Rückkehr organisiert. Aber zum einen tat er das nicht als kommender König, sondern als persischer Beamter, im Auftrag des persischen Königs. Zum anderen war er nicht alleine. Neben ihm stand in einer Art Doppelspitze Jeschua, der aus der Priesterschaft stand. Politisches und religiöses System beginnen, auseinanderzutreten. Mag sein, dass es auch Rivalitäten gab - Serubbabel verschwindet auf mysteriöse Weise aus dem Blickfeld und wir erfahren nichts über sein weiteres Schicksal. Und danach richtete sich das Interesse auf die Bewältigung des schwierigen Alltags und das Interesse am David verlor sich. Vor und im Exil war die Hoffnung, dass ein Davids-Nachkomme sich vor allem militärisch durchsetzt: 

 

 Psalm 2,7: Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN. Er hat zu mir gesagt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. 8 Bitte mich, so will ich dir Völker zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum. 9 Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.« 10 So seid nun verständig, ihr Könige, und lasst euch warnen, ihr Richter auf Erden! 

 

Psalm 110,1: Der HERR sprach zu meinem Herrn: »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege.« 2 Der HERR wird das Zepter deiner Macht ausstrecken aus Zion. Herrsche inmitten deiner Feinde! 3 Wenn du dein Heer aufbietest, wird dir dein Volk willig folgen in heiligem Schmuck. 

 

Aber schon in der jesajanischen Tradition - vgl. Jesaja 9 und 11 und die Gottesknechtslieder des zweiten Jesaja - wird ein ganz anderes Bild von dem "Kommenden" gezeichnet. Seine Macht beruht nicht mehr auf militärische Gewalt. Im Gegenteil, ihr wird durch die Macht des "Kommenden" Grenzen gesetzt. Diese Erkenntnis wird im Sacharja-Buch aufgegriffen. Bestand ursprünglich die Hoffnung auf den Sieg des militärisch Stärkeren, setzte sich nun die Hoffnung auf umfassenden Frieden (Shalom) jenseits militärischer Machtspiele durch. Die Erkenntnis wuchs, das Macht nicht allein auf militärische Stärke beruhen musste:

 

Sacharja 4,6: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth.

 

Der "Kommende" ist gleichwohl mächtig. Er ist ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel. Er wird Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.  

 

Macht muss nicht auf einschüchternde militärische Gewalt beruhen; sie kann vielmehr auch auf gewecktem Vertrauen bestehen. So setzt sich mehr und mehr ein nichtstaatliches Selbstverständnis des Gottesvolkes voraus, das sich sich in anderen Staatswesen - etwa dem babylonischen, persischen, hellenistischen oder römischen - wiederfinden kann. Es beruht auf der gegenseitigen Treue zwischen Gott und seinem Volk. Jedoch hat es in den Gemeinwesen, denen es angehörte, in den wenigsten Zeiten echten Frieden gefunden, im Gegenteil. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es seit 1947 doch wieder im eigenen, sich auf militärische Macht begründenden Staat existiert, zugleich aber in anderen Kulturen, besonders in Nordamerika und Europa, aber auch an anderen Orten Wurzeln ausgebildet hat. Jedoch bleibt das Verhältnis zwischen ihnen und dem Judentum dauerhaft ambivalent und changiert ständig zwischen Freundschaft zu Israel und Antisemitismus. So ist das Judentum zur Grundlage des Christentums, eine durch und durch jüdische Erfindung, geworden. Und zugleich herrschte zwischen beiden über weite Strecken der Geschichte bitterste Feindschaft. 

 

Ein paar Hinweise in eigener Sache: 99% dessen, was ich hier schreibe, ist irgendwo geklaut. Da ich aber weder eine Doktorarbeit schreibe noch Politiker werden will, verzichte ich auf Quellenangaben (Meine Hand-Bibliothek sieht so aus). Wer genaueres wissen will, kann mich gerne fragen. Einige wird es stören, dass ich hier nicht gendere. Das vermeide ich hier, um die Lesbarkeit der Texte nicht zu beeinträchtigen. Die vorhergehenden Sonntagsmeditationen (ab dem 22. August 2021) finden sie hier

 

 

 

 

 

 

 

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