Bonhoeffer, die Religion und die Arkan-Disziplin. Oder: Warum ich Michaelsbruder wurde (6/6)

Mit großer Gelassenheit nicht nur dem unausweichlichen eigenen Sterben und dem sich stärker abzeichnenden Sterben der ganzen Schöpfung, sondern auch dem Sterben der Kirche in der vertrauten Gestalt zuzuschauen, dazu ermutigen die Erkenntnisse Bonhoeffers und seine Erinnerung an die Arkandisziplin[1] in seinen letzten Lebensmonaten 1944 und 1945. Dieses Zuschauen ist keine fatalistische Ergebung in ein unabwendbares Schicksal. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich schon abzeichnet, wohin wir kommen werden und wohin der Wandel führt, wenn auch zunächst noch verschwommen und schemenhaft.

 

Bonhoeffer schaute mit Skepsis auf manches, was die evangelische Kirche nach dem Krieg geprägt hat. Karl Barth, von dem er sich mit dem Vorwurf des „Offenbarungspositivismus“ vorsichtig distanzierte, hat vor allem über die Barmer Erklärung dem kirchlichen Leben seinen Stempel aufgedrückt. Das „violette Jahrhundert der Kirche“ von Dibelius, über das Bonhoeffer sich lustig machte, hat einen Nachhall im EKD-typischen Selbstbewusstsein – vgl. etwa das Motto „Wachsen gegen den Trend“ – gefunden. Und auch die Geschichte der Berneuchener Bewegung, der er in der Familie Maria von Wedemeyers begegnete und mit der er wenig anfangen konnte, ist, eher im Stillen, aber trotz mancher Krisen kontinuierlich bis in die Gegenwart weitergegangen. Nicht trotz Bonhoeffer, sondern wegen Bonhoeffer habe ich mich ihr in den späten Jahren meines kirchlichen Dienstes in Gestalt der Michaelsbruderschaft angeschlossen. Wenn man Bonhoeffers fünf Jahre zuvor entstandene kleine Schrift „Gemeinsames Leben“ etwa neben die „Die Regel des Geistlichen Lebens“ von Wilhelm Stählin (1947) legt und beides miteinander vergleicht, wird man, bei mancher kritischen Nachfrage im Rückblick an beide Schriften, kaum die wirklich großen Unterschiede feststellen. Hier wird das Leben in dem Bereich, in dem die Arkandisziplin gilt, beschrieben. Hier deutet sich die Gestalt an, wie sie die Kirche in weiter oder naher Zukunft bestimmen könnte. An die stelle des katholischen hierarchischen Modells sowie des evangelischen zentralistischen Modells könnte eine Gestalt der Kirche treten, die auf gegenseitige Verlässlichkeit aufbaut und auf diese Weise das Priestertum der Getauften realisiert, wie Martin Luther es schon vorschwebte.[2]

 

Mündigkeit, Verantwortung und Vertrauen jedes und jeder einzelnen Beteiligten sind dafür die Voraussetzungen. In dieser Gestalt wird die Kirche zu Netzwerken verbindliche persönlicher Beziehungen, die sich wiederum zu Netzwerken zusammenschließen. Sie wird nicht den Weg ins öffentliche Leben suchen. Menschen werden in der Regel über die persönlichen Kontakte dazu stoßen. Aber sie ist auch kein Mysterienverein, der sich vor der Öffentlichkeit hermetisch abriegelt. Sie ist offen für alle, die neugierig und interessiert sind, die erst mal gucken und dann prüfen wollen, was sie das angeht. Sie wird Ausstrahlung gewinnen und braucht deren Fehlen nicht mehr durch Öffentlichkeitsarbeit kompensieren. Auf diese Weise wird sie, ohne dass ihr das bewusst werden muss, nachhaltig auf die Öffentlichkeit einwirken. Sie drängt sich ihr nicht auf, aber sie versteckt sich auch nicht. Sie plappert nicht wie die Heiden (Mt 6,7), aber sie legt Rechenschaft ab, wenn sie gefragt wird.

 

Entscheidend aber wird sein: Sie wird nicht aufhören Volkskirche zu sein. Sie wird möglicherweise erst recht zu Volkskirche werden. Die Menschen werden entdecken, dass sie nicht mehr Kunden eines religiösen Dienstleisters sind, sondern dass sie selbst verantwortlich sind – für die Kirche, die dann wirklich ihre Kirche sein wird. Sie wird zu ihrem ureigenen Anliegen für das einzusetzen sich lohnt.

 

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[1] …die ihn aber schon mindestens seit 1932 beschäftigt hatte, vgl. Andreas Pangritz, Zu Dietrich Bonhoeffers Verständnis der Arkandisziplin, 2014 = https://www.etf.uni-bonn.de/de/ev-theol/einrichtungen/systematische-theologie/personen/prof.-dr.-phil.-a.-pangritz-1/texte-zum-download/arkandisziplin-bei-bonhoeffer-november-2014 (gel. am 9. August 2014)

[2] Hier denke ich an Luthers Schrift „Deutsche Messe und Ordnung Gotesdiensts“ von 1526.

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