Der Heilige Geist und die liturgische Präsenz

Ob es sich um eine hochkirchliche Messe mit Gewändern, Weihrauch und liturgischen Gesängen in einem gotischen Dom handelt, oder um einen einfachen Predigtgottesdienst mit Besucherzahlen im einstelligen Bereich in einem langweiligen Mehrzweckraum irgendeines öffentlichen Gebäudes - entscheidend für die Qualität eines Gottesdienstes ist das nicht.  Nein, es ist etwas anderes, was den Gottesdienst ausmacht:

 

Welche Atmosphäre treffen wir in ihm an? Eher fahrig, unkonzentriert, gleichgültig? Oder nimmt sie den Besucher des Gottesdienstes sofort ein? Die herrschende Atmosphäre ist von vielen Faktoren abhängig, vom Ort, von den Teilnehmern, den Verantwortlichen, Geschehen und Geräusche im Hintergrund, von dem was unmittelbar vorher und nachher geschieht und anderes mehr. Ein gelungener Gottesdienst hat immer eine gute, gesammelte Atmosphäre, die sich auf die Anwesenden überträgt und sie mitnimmt. 

 

Die Atmosphäre lässt sich nicht hundertprozentig steuern, aber doch erheblich beeinflussen. Es zum Beispiel nicht sonderlich förderlich, wenn z. B. Pfarrer oder Pfarrerin gerade noch im letzten Augenblick erscheint, weil er im Stau gestanden hat oder am Telefon aufgehalten worden ist, nicht gut vorbereitet ist, sich innerlich mit anderen Dingen, die in beunruhigen, beschäftigt oder abgehetzt ankommt. 

 

Entscheidend für die Atmosphäre im Gottesdienst ist die Präsenz der handelnden Personen. Manchmal gibt es Menschen, die sofort alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn sie einen Raum betreten, ohne dass sie was besonderes machen. Der Grund dafür ist die starke Präsenz, über die sie verfügen. Sie wissen genau, was sie wollen, sind selbstsicher, "ruhen in sich selbst", sind sich ihrer Rolle gewiss, wertschätzend, hellwach und mit dem Bewusstsein ganz im Hier und Jetzt. Das verschafft ihnen Aufmerksamkeit und Autorität. Überträgt sich die Präsenz auf Raum - und das sollte sie in der Regel tun - dann führt sie zu einer entsprechenden, etwas gesammelten oder konzentrierten Atmosphäre.

 

Ein Beispiel für Präsenz und ihre Wirkung auf die Anwesenden ist das Pfingstereignis, von dem die Apostelgeschichte berichtet. Aus Anlass des Festes waren viele Menschen aus dem Ausland gekommen. Den galiläischen Dialekt der Jesus-Jünger haben sie gar nicht verstanden, aber trotzdem spürten und wussten sie: Hier passiert etwas Bedeutendes, das uns angeht und uns betrifft. Aber so aus heiterem Himmel, wie sich das in der Apostelgeschichte beim ersten Anschein liest, kommt diese Präsenz der Apostel nicht. Das Pfingstereignis ist tatsächlich vorbereitet und die Präsenz eingeübt worden. Sie sind nicht gleich, nachdem sie den Missionsauftrag von Jesus bekommen haben, an die Öffentlichkeit getreten, sondern haben sich erst einmal, zusammen mit den Frauen in einer Jerusalemer Wohnung zurückgezogen und haben die Zeit für intensives Beten, Schweigen, Meditieren, sicher auch für Gespräche und Reflexionen genutzt. Damit haben sie sich in die Präsenz eingeübt, mit der sie am Pfingsttag aufgetreten sind.

 

Für die Gottesdienste, die wir feiern, ist es erforderlich, dass wir die dafür nötige Präsenz einüben. Es reicht aber nicht aus, wenn dies die verantwortliche Pfarrperson macht. Ein Gottesdienst muss grundsätzlich von der "Kern-Gemeinde" oder einem Team auch in der Weise vorbereitet werden, dass die Präsenz eingeübt wird. Wichtig ist, dass das Team genau weiß, was geschehen soll, sehr selbstsicher und selbstbewusst, aber auch achtsam und aufmerksam auftritt. 

 

Es wird wohl zunehmend wichtig werden, wie wir unsere Gottesdienste feiern und wie gut sie sind. Lieber etwas weniger Gottesdienste, aber dafür intensive, sorgfältig vorbereitete, ja auch: stimmungsvolle Gottesdienste! Die üblichen technischen Vorbereitungen reichen hier nicht aus, vielmehr bedarf es einer geduldig übenden "Einstimmung" auf den Gottesdienst.