Von der Stärkung des Glaubens und der Stärkung des Protestantismus

Sonntagsmeditation: Lukas 17,5-6 - 15. Sonntag nach Trinitatis (12. September 2021)

 

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! 6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.

 

Selten passen ein Sonntagstext und ein aktuelles Papier der Kirchenleitung so gut zusammen wie dieses Mal. Ich vermute, das war nicht so geplant. Bei dem genannten Papier handelt es sich um ein Positionspapier der rheinischen Kirchenleitung unter dem Titel: "E.K.I.R.2030 - Wir gestalten 'evangelisch rheinisch' zukunftsfähig" und ist vor wenigen Tagen (d. h. Ende August 2021) erschienen. Gekennzeichnet ist das Papier durch das, was da alles gestärkt werden soll:

  • Die Zukunftsfähigkeit der Kirche soll gestärkt werden.
  • Die Servicefreundlichkeit der Kirche soll gestärkt werden.
  • Die Verbundenheit mit den Nichtmitgliedern soll gestärkt werden
  • Eine servicefreundliche, qualitätsvolle und vielfältige Kasualpraxis soll gestärkt werden.
  • Eine "gemeindliche Biodiversität" anstelle einer kirchlichen Monokultur soll gestärkt werden.
  • Die Vernetzung mit ökumenischen und zivilgesellschaftlichen Partnern soll gestärkt werden.
  • Die Ausrichtung der kirchlichen Strukturen an die Wünsche der Kirchenmitglieder soll gestärkt werden.
  • Der Protestantismus soll gestärkt werden, u. a. m.

Von der Stärkung des Glaubens ist jedoch nicht die Rede. Die Autoren werden Wert darauf legen, dass es doch um nichts anderes gehe und dass die Kirche doch dem Glauben diene. Daran besteht gewiss kein Zweifel. Aber die Rede ist davon dennoch nicht. Sie ist kein Kriterium. Die zu erreichenden Ziele werden sehr genau definiert. So soll ein Presbyterium 90% seiner Zeit auf Kontakt zu Menschen und geistlich-inhaltliche Prozesse verwenden und zum Kristallisationspunkt lokaler Mitmachnetzwerke werden. "30 Menschen unter 30" sollen an der Verkündigung Anteil haben. Möglichst alle Haushalte der Mitglieder sollen besucht werden. Die Wahlbeteiligung soll auf 20% erhöht werden. Eine Mitglieder-App soll Kommunikationsbausteine und automatische Erinnerungen liefern. Ein "Think Tank Digitale Kirche" mit "digital affinen Synodalen und Expert-/innen" soll für "professionelle Kommunikation im Netz auf allen Ebenen" soll eingerichtet werden. - Das ist nur eine Auswahl der Projekte und Vorhaben. Alles steht unter dem Zeichen: Wir haben genug geredet und jetzt handeln wir: "Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem." - Um daran keine Zweifel aufkommen zu lassen: Um die Kirche - als große Arbeitgeberin, Bildungsträgerin, diakonischer und kultureller Dienstleisterin und Dachverband der Kirchengemeinden -  funktionsfähig zu erhalten, ist eine solche Entschlossenheit, nicht nur zu reden, sondern anzupacken, unentbehrlich. Ohne sie würden die kirchlichen Strukturen auf kurz oder lang zusammenbrechen. Ich erlaube mir hier kein Urteil, ob das alles so realistisch und umsetzbar ist, was da geplant wird. Ich vermute, es gibt genügend kluge, motivierte und entschlossen Menschen in der Kirche, die gewiss eine Menge davon umsetzen werden.

 

Aber eine Antwort auf die Frage, ob damit der Glaube gestärkt wird, ist damit noch nicht gegeben. Um es drastisch zu formulieren: Die Stärkung des Glaubens ist auf eine servicefreundliche, qualitätsvolle kirchliche Praxis mit gemeindlicher Biodiversität und der Ausrichtung der kirchlichen Strukturen an den Wünschen der Kirchenmitgliedern u. dgl. nicht angewiesen. Die Stärkung des Glaubens braucht etwas anderes. Als die Jünger Jesus baten: Stärke uns den Glauben - hätte Jesus ja auch mit der Schaffung geeigneter kirchlicher Strukturen oder der Initiative zum Gemeindeaufbau antworten können. Stattdessen ist die Kirche und sind kirchliche Strukturen so gut wie nie Thema in seinen Worten. Auch der Heilige Geist hat zu Pfingsten - das gerne "Geburtstag der Kirche" genannt wird - keine fertige Kirche oder Kirchenordnung präsentiert. Die Kirche ist nach und nach in z. T. sehr mühseligen und konfliktreichen Prozessen gewachsen - als Folge, nicht als Voraussetzung des Glaubens.

 

Seine Antwort auf die Bitte der Jünger muss nicht jedem sofort einleuchten: "Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn…" Glauben wird hier wie ein Lebewesen gedacht. Alles was lebt, fängt winzig klein an, oft so klein, dass man es mit bloßem Auge nicht erkennen kann. Aber wenn es zu leben angefangen hat, entwickelt es Eigendynamik. Es lebt gewissermaßen von selbst. In der Anfangsphase ist es noch sehr fragil und gefährdet. Ob es lebensfähig ist, ist noch längst nicht ausgemacht. Es braucht geeignete Wachstumsbedingungen, Zuwendung und Achtsamkeit. Aber je länger es die Chance hat zu leben, desto kräftiger und robuster wird es.

 

Auch die Anfänge des Glaubens sind winzig. Aber nicht alles, was winzig ist, ist deswegen schon Glauben. So winzig, wie er anfängt, soll der Glaube auch nicht bleiben (Lk 13,19; Mk 4,32). Die Kirche erwächst aus dem Glauben, sie ist seine Frucht. Sie ist nicht Voraussetzung für den Glauben, sondern der Glaube ist die Wurzel, die Voraussetzung für die Kirche. Wenn Jesus die Bitte seiner Jünger erfüllt und ihren Glauben stärkt, schafft er damit ist das Fundament, auf dem die Kirche steht. Einzig, dass die Jünger Jesus bitten, ihren Glauben zu stärken und Jesus auf ihre Bitte eingeht, führt zu Wachstum und Gedeihen der Kirche. Das Senfkorn des Glaubens ist zugleich auch das Senfkorn der Kirche. Sie erwächst geradezu zwangsläufig aus einem lebenden, gedeihenden und wachsenden Glauben.

 

Es ist die - selbst aus dem Glauben erwachsene - Gemeinde, die dem Glauben den nötigen Schutzraum bietet. Das kann sie nur, wenn sie Ortsgemeinde ist, ein Ort also, an dem sich immer wieder die einfinden, die sich von Angesicht zu Angesicht wahrnehmen und kennen und gegenseitig füreinander verlässlich sind und so ihren Glauben teilen, um ihn zu nähren. Ihre Berufung ist nicht die Selbsterhaltung der Kirche im Sinne der oben beschriebenen "Umsetzung". Vielmehr ist sie dazu berufen, dem Glauben Raum zu geben, aus dem die Kirche erwächst, wobei sie selbst nicht weiß, wie das geschieht (Mk 4,26).

 

Das Positionspapier behauptet (auf Seite 5), dass "bei uns unten oben" und unsere Kirche "zutiefst unhierarchisch" sei. Dass dies keineswegs zutrifft, dafür ist das Positionspapier selbst eindrucksvoller Beweis. Es bringt nämlich ausschließlich das zur Sprache, was für die Kirchenleitung selbst notwendig und von Interesse ist. Es nimmt alle Ebenen des kirchlichen Lebens, also auch die Gemeinden, in Anspruch, um die beschriebene Ziele zu erreichen und die dafür nötigen Umsetzungen vorzunehmen. Damit missbraucht sie die Gemeinden, die ihren Auftrag bereits haben, nämlich den, dem Glauben den nötigen Raum zu gewähren, wie oben beschrieben. Damit sind sie vollumfänglich ausgelastet. Weitere Aufgaben können sie nicht übernehmen. Die Gemeinden haben nicht den Auftrag, der Kirchenleitung zu dienen, vielmehr dienen umgekehrt Kirchenleitung und Kirchenkreise den Gemeinden, damit sie ihren Auftrag erfüllen können. Bei aller bemerkenswerten Entschlossenheit, die die Kirchenleitung an den Tag legt, kann es nicht sein, dass diese dann zur Überforderung der Beteiligten führt, die  das Gegenteil des Angestrebten bewirkt.

 

Fairer Weise halte ich dem Positionspapier zu Gute, dass es auch Hinweise enthält, die - nach meiner persönlichen Einschätzung - in die richtige Richtung weisen. Dass Gemeindeglieder frei entscheiden können, welcher Gemeinde sie angehören wollen und dahin auch ihre zu zahlenden Kirchensteuern mitnehmen können, ist ein längst überfälliger Schritt. Dass Pfarrämter fest einer Gemeinde zugeordnet werden, ist ebenso nicht mehr zeitgemäß und sinnvoll. Eine "mixed economy" aus traditionellen und neuen Gemeindeformen wird in der Church of England offensichtlich sehr fruchtbar praktiziert und es ist zu prüfen, wie sie bei uns ermöglicht werden kann. Die Bekenntnisschriften unserer Kirche - Augsburg, Heidelberg, Barmen z. B. - werden für die evangelische Erkennbarkeit sorgen, aber innerhalb dieses Rahmens darf und muss eine bunte Vielfalt und eine "gemeindliche Biodiversität" hinsichtlich der Größe, dem liturgischem Stil, der theologischen bzw. der Frömmigkeitspraxis, der selbst gestellten Ziele und Aufgaben etc. entstehen. Deswegen ist das Positionspapier trotz aller hier formulierten kritischen Anmerkungen gewiss ein Ausgangspunkt, um nicht nur über die Zukunft unserer Kirche zu diskutieren, sondern sie behutsam und entschlossen weiterzuentwickeln.

 

Ein paar Hinweise in eigener Sache: 99% dessen, was ich hier schreibe, ist irgendwo geklaut. Da ich aber weder eine Doktorarbeit schreibe noch Politiker werden will, verzichte ich auf Quellenangaben (Meine Hand-Bibliothek sieht so aus). Wer genaueres wissen will, kann mich gerne fragen. Einige wird es stören, dass ich hier nicht gendere. Das vermeide ich hier, um die Lesbarkeit der Texte nicht zu beeinträchtigen. Die vorhergehenden Sonntagsmeditationen (ab dem 22. August 2021) finden sie hier.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    F. Groth (Dienstag, 14 September 2021 11:05)

    Dieser Beitrag von Stephan Sticherling, auf den Pfr. Hans-Jürgen Volk auf Facebook lobend hinwies, ist schon drin im neuen #THEOletter, danke:
    39. Das aktuelle Rheinische Papier der Kirchenleitung - zu Recht kritisch angefragt in einem Blog-Text, auf den Theol.leser Pfr. Hans-Jürgen Volk auf Facebook verwies
    Man kann diese Nr. 39 (und den gesamten heutigen Theoletter) online HIER lesen: https://tinyurl.com/theoletter037