Die Bibel am Stück (4)

Jesus hatte Petrus nicht widersprochen, als dieser ihm zurief: Du bist der Christus. Aber er hatte kein Interesse daran, dass dieses Bekenntnis zum ihm als den Gesalbten und Davids- bzw. Gottessohn öffentlich wurde. Der Grund dafür war ganz einfach: Das hätte Erwartungen geweckt, die im Widerspruch zu dem standen, was Jesus selbst erwartete. 

 

In einem Lied aus dieser Zeit aus einer Liedersammlung mit dem Namen "Psalmen Salomos" stammen diese Zeilen:

 

"Sieh, Herr, und erwecke ihnen ihren König, einen Sohn Davids zu der Zeit, die du erwählt hast, damit dein Diener über Israel herrsche; umgürte ihn mit Stärke, damit er die ungerechten Obersten schlage, damit Jerusalem gereinigt werde von in der Vernichtung trampelnden Völkern,... dass er den Hochmut des Sünders wie ein Tongefäß zerstöre, und mit einem eisernen Stabe ihren ganzen Widerstand vernichte, um die gesetzlosen Völker durch das Wort seines Mundes zu vernichten, dass bei seiner Drohung die Völker von seinem Angesicht fliehen und er die Sünder überführe wegen des Gedankens ihres Herzens, und sammle ein heiliges Volk, das in Gerechtigkeit geleitet wird, und er wird die Stämme das vom Herrn, seinem Gott, geheiligte Volk richten. (PsSal 17,21-26)

 

Petrus wird von Jesus gewiss nicht erwartet haben, dass er politische Ambitionen hegt (wie etwa die zelotisch-antirömische Befreiungsbewegung, die die Römer aus dem Land vertreiben wollten und auch vor Terror nicht zurückschreckten). Aber die Königsherrschaft Gottes war sein zentrales Thema. Aber in welcher Weise auch immer würde Gott mit Hilfe seines Gesalbten Stück für Stück die Macht übernehmen - und jetzt war ja klar, dass kein anderer als Jesus jener Gesalbte war. Hatte er doch erlebt, wie Gott die Macht zu übernehmen in der Lage war. Er erinnerte sich an Dämonenaustreibungen und Heilung - auch seine eigene Schwiegermutter gehörte zu den Geheilten - oder wie Jesus demonstrativ Sünden vergab. Darin erlebte er die Machtübernahme, die Königsherrschaft Gottes. Und das war erst der Anfang. Jetzt war es ausgesprochen. Jesus war der Gesalbte, der König, der Sohn Davids.

 

Aber schon im nächsten Augenblick schien der Traum wieder zu platzen. Das Gespräch ging nämlich weiter. Jesus sprach nicht vom Gesalbten - das hatte er nie getan - sondern vom Menschensohn. Der Menschensohn müsse viel leiden, er würde den Menschen ausgeliefert werden und sie würden ihn töten. Es würden die maßgeblichen Jerusalemer Autoritäten sein, in deren Hände er geraten würde, und die würden ihn umbringen.

 

Petrus war verwirrt und entsetzt. Eben noch war alles klar - und was war das jetzt? Er reagiert scharf und machte Jesus Vorwürfe. Man hatte erwarten können, dass Jesus darauf so gelassen und souverän reagierte, wie seine Schüler es von ihm sonst auch gewohnt waren. Aber er rastete regelrecht aus: Geh weg, du Satan! Das ist das, was Gott will. Der hat was anderes vor. Petrus läuft wahrscheinlich vor Wut erst mal weg. Dass Jesus ihn so anfährt, war er nicht gewohnt. Es wird daran deutlich, dass es mit der Souveränität und Gelassenheit bei Jesus nicht weit her war. Ihm ist wahrscheinlich in den letzten Tagen klar geworden, wohin sein Weg führt - nicht zum Sieg, sondern in die Niederlage und in den Tod. Es kann keine Rede davon sein, dass ihn das kalt gelassen hätte. Bei Jesus liegen die Nerven blank. Er hat schlicht Angst, und weiß doch, dass er diesen Weg gehen muss, und er wird ihn gehen.

 

Das Gespräch darüber haben sie nicht fortgeführt. Jeder ist mit seinen Gedanken bei sich und allein geblieben. Es ist zu vermuten, dass Petrus ihn am Ende nicht ganz ernst nimmt. Es wird schwer werden, der Widerstand wird gewaltig sein, es wird zum Kampf kommen, damit war natürlich zu rechnen. Aber am Ende wird dann klar sein, wer die Oberhand behalten wird und das wird wohl weder der Jerusalemer Klerus noch der Militärapparat der Römer sein.

 

Es ist übrigens spannend, dass Jesus selbst nie vom "Gesalbten" spricht oder vom Davids- oder Gottessohn. So haben ihn seine Anhänger nach Ostern genannt, aber er selbst hat so nie von sich gesprochen. Er hat immer den "Menschensohn" erwähnt, aber dabei nie von selbst gesprochen, sondern wie von einer dritten Person. Auch wenn er es nie sagt, wird aber immer wieder deutlich, dass er selbst der Menschensohn ist. So hat ihn Petrus auch verstanden - als vom Leiden und Sterben des Menschensohnes sprach, meinte er sich selbst.

 

Der "Menschensohn" ist ein Begriff aus der aramäischen Sprache - die Sprache Jesu und seiner Schüler - und lässt sich ganz einfach mit "Mensch" übersetzen (so, wie wir manchmal von einem "Menschenkind" sprechen, aber einen Menschen meinen). Wenn vom "Menschensohn" die Rede war, fiel den Menschen aber noch was anderes ein. Es gibt nämlich eine Stelle aus dem Daniel-Buch (aus dem 2. Jhdt. v. Chr.), an der eine Vision geschildert wird. In dieser Vision wird einer wie eines Menschen Sohn vor den gebracht, "der uralt (also Gott) war", und Gott übergibt ihm Macht, Ehre und Reich, und die Völker sollten ihm dienen. Diese Macht wird dann "an das Volk der Heiligen des Höchsten" weitergereicht. 

 

Das Daniel-Buch war damals eine populäre und bekannte Schrift, deswegen kannten viele auch den "Sohn des Menschen" aus dem Danielbuch. Es gab in dieser Zeit weitere Schriften (wie der "äthiopische Henoch" und der "Vierte Esra"), in denen der Menschensohn aus dem Danielbuch vorkam. Er war eine bekannte Figur, die die Phantasie der Menschen damals anregte. Wer der "Menschensohn" war, musste Jesus nicht erklären, denn alle wussten Bescheid. Er galt derjenige, der der Herrschaft Gottes aufrichten und im Namen Gottes regieren würde, er war der Repräsentat der Gottesherrschaft. Er würde das Recht Gottes durchsetzen und am Ende Gericht halten. 

 

Petrus und den anderen war das schon bald klar: Wenn der Meister vom Menschensohn sprach, dann nie von sich selbst. Aber er meinte sich selbst. Und sie selbst würden an der Herrschaft, die de Menschensohn ausübt, beteiligt werden - auch das war schon im Danielbuch zu lesen und Jesus sagt dies seinen Schülern ausdrücklich zu und wird das später in Jerusalem noch mal ausdrücklich bestätigen.

 

Aber wenn Jesus jener im Danielbuch angekündigte Menschensohn ist, sieht man es ihm nicht an - er ist ja nur ein "Mensch" oder, wie man damals zusagen pflegte, der "Sohn eines Menschen". Wenn er die Sündenvergebung zuspricht, ist es der Menschensohn, der das tut; wenn er sich über die Sabbat-Regeln der Torah hinwegsetzt, weil der Sabbat um den Menschen willen gemacht ist und nicht umgekehrt, dann, weil der Menschensohn Herr über den Sabbat ist; der Menschensohn isst und trinkt, und sie halten ihn für einen Fresser und Säufer, und obendrein noch für einen Freund der Zöllner und Sünder. Und zugleich hat der Menschensohn hier keine Heimat. All diese Dinge sagt Jesus von sich selbst. Aber er sagt nie ich, sondern "der Menschensohn". Und damit sagt er: Man sieht es mir nicht an. Aber ich werde der sein, der über euch Gericht halten wird - und dann wird sich alles daran entscheiden, wie ihr zu mir steht.

 

Seine Schüler werden das, mindestens nach und nach, verstanden haben. Aber alle anderen werden wohl nur "der Mensch" gehört haben, wenn Jesus vom Menschensohn sprach. Er ist der Menschensohn, aber noch ist er es auf verborgene Weise und nicht für jeden offensichtlich. Deswegen spricht Jesus lieber vom Menschensohn als vom Gottes- oder Davidssohn oder vom Gesalbten, weil sich dieser Widerspruch zwischen Hoheit und Verborgenheit so zum Ausdruck bringen lässt, was mit den anderen Titeln so nicht möglich wäre.

 

Aber es geht nicht nur um die Verborgenheit des Menschensohn unter der Gestalt eines, eben - Menschensohnes, also eines normalen Menschen. Jesus benutzt diesen Titel, um damit seine Bestimmung zum Leiden und zum Sterben zum Ausdruck zu bringen: Der Menschensohn - also er selbst - ist nicht dazu gekommen, um andere für sich dienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben. Damit gibt Jesus dem Menschensohn eine Bedeutung, die sich mit einer anderem aus dem Alten Testament bekannten Figur verbindet, nämlich die des Gottesknechts beim zweiten Jesaja. Wenn man nämlich dieses Wort mit dem vom Menschensohn verbindet, der im Namen Gottes das Gericht vollzieht, dann wird klar, dass Jesus sich im vollen Umfang bewusst war, wozu ihn Gott gesandt hat: Er soll als der Menschensohn das Gericht vollziehen über die, die sich zum Menschensohn bekennen oder eben nicht. Das Besondere aber ist: Er wird dieses Gericht über die, die ihn als Menschensohn verwerfen an sich selbst vollziehen und wird damit zum Gottesknecht von Jesaja 52/53. Dass Jesus dies im vollen Umfang klar war, dass es ihn zugleich alles als kalt lässt, deutet er gelegentlich an. Er hat schlicht Angst und weiß doch, dass er sich dem, was da auf ihn zukommt, nicht entziehen können wird

 

Auch die Jünger waren hin und her gerissen. Sie hatten Angst und Hoffnung zugleich. Das, was sie in den kommenden Tagen mit Jesus erleben würden, das haben sie erst hinterher im vollen Ausmaß begriffen. Es waren aber die Worte Jesus selbst wie auch dass, wie auch Worte aus ihrer Bibel, also dem Alten Testament, die ihnen das Verständnis dafür öffneten

 

Zuvor hatten sie aber noch einmal Gelegenheit, zu erleben, wie Jesus die Gottesherrschaft stattfinden ließ und wie sie Glauben zu wecken in der Lage war. Das geschah, als sie auf dem Weg nach Jerusalem in Jericho Station machten und verbindet sich mit zwei Namen, mit Bartimäus, von dem Markus erzählt und Zachäus, dessen Geschichte wir bei Lukas finden.

 

(Die Bibel am Stück 5 ist noch in Arbeit) (über die "Bibel am Stück")

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