Die Bibel am Stück (3)

Sie blieben noch etliche Tage in der Einsamkeit, in der sie sich zurückgezogen hat, und sechs Tage nach jenem Ausruf des Petrus - "Du bist der Christus" - machen sie eine Bergwanderung. Wir wissen nicht, auf welchem Berg sie waren, aber Markus berichtet von einem hohen Berg. Um herauszufinden, was dort geschehen ist, müssen wir uns klar machen, dass wir heute ganz anders zu erzählen gewohnt sind, als die Menschen in der Antike. Wenn wir Geschichten erzählen, legen wir in der Regel großen Wert darauf, dass sie wirklich geschehen sind, oder zumindest, dass es denkbar ist: So hätte es tatsächlich gewesen sein können. Dabei unterscheiden wir die Außen- und die Innenseite des Erzählten. Es geht zum einen darum, die Fakten aufzuzählen, die sich tatsächlich zusammenhängend am selben Ort und zu selben Zeit zugetragen haben - das ist die Außenseite. Und dann geht es darum, zu erzählen, wie die Beteiligten erlebt haben, was da geschehen ist. 

 

Dem Erzählern der Antike war die Unterscheidung von außen und innen, "objektiv" und "subjektiv", wie wir auch manchmal sagen, nicht wichtig. Sie holten gewissermaßen die Innenseite nach außen und erzählen dass, was die Jünger - und Jesus selbst - erlebt haben, gleichsam als objektive Fakten. So kommt es zur "Verklärung" Jesu, zu seinen sehr hellen weißen Kleidern. Und sie sehen Jesus, Moses und Elia tatsächlich im Gespräch miteinander. Wir können davon ausgehen: Diese Bebegenheit hat sich tatsächlich begeben, nur ist sie in der damals üblichen Erzählweise berichtet worden. 

 

Wenn wir diese Geschichte in der uns geläufigen Weise erzählen, dann sehen wir Jesus mit einigen seiner Jünger, nämlich Petrus, Jakobus und Johannes, den Weg zum Gipfel jenes hohen Berges wandern. Es wird ein Weg von mehreren Stunden gewesen sein. Vielleicht sind sie - wie es bei heutigen Bergwanderungen geläufig ist - in aller Frühe, noch bei Dunkelheit aufgebrochen. Während sie ihren Weg vor sich hin stapfen, dämmert es und es wird langsam heller. Sie schweigen, während sie gehen. Die drei spüren, dass Jesus ganz bei sich selbst ist, ganz in seinen Gedanken versunken, irgendwie ganz weit weg. Sie versuchen es erst gar nicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, zumal das Reden beim Bergaufwandern ohnehin eher mühsam ist. Und so hängen sie selbst auch ihren Gedanken nach - bei alldem, was sie in den letzten Tagen und Wochen erlebt haben. Das ist schon alles sehr aufregend und bewegend, und sie spüren, da regt sich was völlig Neues, da bricht etwas auf, und sie sind da mittendrin. Wo wird das alles hinführen? Können sie sich darauf freuen oder müssen sie Angst haben? Erwartung mischt sich mit Angst, Aufregung mit Unsicherheit. All das geht ihnen durch den Kopf, während sie schweigend an Höhe gewinnen. 

 

Als sie fast oben sind, steht schon die Sonne strahlend über den Bergen im Osten, jenseits des Jordans. Wie weit sie ins Land blicken können! Alles ist so klar und es ist völlig still, und tiefes Schweigen liebt über der Szenerie. Sie haben die Mühen des Alltags weit unter sich gelassen. Sie holen tief Luft und schauen in die Ferne. Und plötzlich ist alles so leicht, so klar, so richtig. Jesus, ein wenig abseits von ihnen, ist ganz weit weg, fast schon entrückt, er schaut verloren in die Ferne. Man sieht ihm an: Er ist tief bewegt, überwältigt. Vielleicht sehen sie gar Tränen in seinen Augen. 

 

Oben, auf dem höchsten Punkt, lassen sie sich nieder. Sie spüren: Dass ist jetzt ein ganz entscheidender Moment. Da ergreift Jesus das Wort. Er erzählt von jenem Tag, als er von Johannes getauft worden ist, wie er ihn im Jordan untertaucht, wie er wieder auftaucht und das Gefühl hatte, über ihm öffnet sich der Himmel und er den Geist Gottes, wie eine Taube, regelrecht von oben auf ihn herabkommen sah, und wie er Gott sprechen hörte: An dir hab ich Gefallen. Du bist mein Sohn! - und wie er begriffen hatte, dass Johannes wohl in ihm selbst den "Stärkeren" gesehen hat, den er immer angekündigt hatte.

 

Als Jesus so erzählte, vielleicht kannten sie diese Geschichte ja noch gar nicht, fielen ihnen die bekannten Psalm-Stellen ein: Du bist mein Sohn, setze dich zu meiner Rechten! Und in diesem Augenblick, war es den dreien so klar, wie nur irgendetwas klar sein konnte: Der, der da vor ihnen saß, der gehörte schon jetzt, schon zu seinen Lebzeiten zu den ganz Großen, in einer Reihe neben Mose oder Elia etwa. Und fast hatten sie den Eindruck, er sei mit ihnen im Gespräch. Und was ihnen auch klar war: Wenn Jesus redete, dann waren das Worte Gottes. Dann war es Gott selbst, der sprach. Dann hörten sie Gott selbst reden. Wo Jesus war, da war der lebendige Gott selbst. Und Petrus dachte noch: Hier will ich nie wieder weg. Ich will nie mehr wieder da runter. Hier lasst uns Hütten bauen! Hier haben wir Frieden, ganz tief in uns drinnen, hier kann uns nichts mehr von Gott trennen.

 

Den ganzen Tag blieben sie da oben, schweigend, redend, betend. Aber irgendwann schickte sich die Sonne langsam an, im Meer im Westen unterzugehen und es waren auch Wolken aufgekommen. Jesus drängte zum Abstieg. Doch bevor sie aufbrachen, hatte er noch eine wichtige Bitte an die drei: Redet mit niemandem über das, was Ihr hier erlebt habt. Das würde zu riesigen Missverständnissen führen. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht erzählen, ohne dass es schief wird. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. 

 

In diesem Moment wurde Petrus bewusst, dass trotz aller Tiefe und Größe des Augenblicks, trotz aller Klarheit, trotz aller Schönheit irgendwo in seine Tiefe sich irgendeine Unruhe regte. Da war noch ein Schatten, kaum spürbar, aber doch nicht zu leugnen. War er sich dessen doch nicht so ganz sicher, was er hier erlebt hatte? Er wird den Gedanken beseite geschoben haben: Es wird nur noch wenige Tage dauern, dann wird es alle Welt sehen, was sie hier schon gesehen haben. Es wird so etwas wie ein Finale, ein Showdown werden. Das wird alles ganz aufregend werden.

 

Dieser Schatten, diese kleine Unruhe, die Petrus nicht zulassen will, hatte damit zu tun, dass er mit Jesus - unmittelbar, nachdem er ihm zugerufen hat: Du bist der Christus - scharf aneinander geraten war. 

 

Was war da vor sechs Tagen passiert?

 

Die Bibel am Stück 4  
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