Die Bibel am Stück (1)

Was hat mich damals eigentlich damals geritten, in dieser öden, spröden und zuweilen ätzenden evangelischen Kirche als Pfarrer arbeiten zu wollen? Wenn ich am Ende meines Dienstes zurückblicke, schaue ich auf blankes Scheitern. Aber auch auf tiefe Erfahrungen und Begegnungen. Auf Menschen, zwischen denen und mir es zum Bruch gekommen ist. Auf Menschen, die mich ein Stück meines Weges begleitet haben, und ich sie. 

 

Am Ende jedoch steht die Erkenntnis: Man muss sie nicht mögen, diese trockene Kirche ohne Ausstrahlung und Faszination. Vielleicht hat sie sich wirklich überlebt. Dennoch wird es die Kirche immer geben. Wir bekennen mit dem siebten Artikel des Augsburger Bekenntnisses, "daß alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben". Wie sie beschaffen sein wird, welche Gestalt sie haben wird, ist eine andere Frage. Aber sie wird sich immer wieder neu hervorbringen, diese eine, heilige, apostolische, katholische und evangelische Kirche. Das wird sie selbst tun. Es ist bewegend, ihr dabei zuzuschauen. Und mich bewegt es, dem auf den Grund zu gehen. Wie geht das vor sich, wenn die Kirche sich selber immer wieder neu schafft?

 

Dabei geht es nicht um die Kirche selbst, sondern um Gott. Woher wir kommen, woher wir uns verdanken, da wir es nicht von uns selbst tun. Es geht darum, vor wem wir uns verantworten für unser Leben. Rechenschaft ablegen. Wer uns frei spricht vom Versagen der Menschheit, wer uns entlastet von der Schuld, die die Menschen durch ihr Scheitern auf sich genommen haben, von denen auch ich einer bin? Es geht darum, ob uns alles entgleitet oder noch zu retten ist. Wir Menschen können das offensichtlich nicht mehr. Wir sind überfordert. Es geht darum, worauf wir uns verlassen können. Auf uns selbst wohl nicht mehr. Ob wir noch vertrauen können - und wem. Ob es noch Hände gibt, die uns halten, oder entgleiten wir ihnen schon? Es geht darum, wo wir noch sein können, mit all unseren enttäuschten Sehnsüchten, unseren Verbitterungen und Verletzungen, unserer Angst, unserem Scheitern, unserer Schuld, wo es noch einen Ausgang ins Offene gibt. Oder ob alles schon zu spät ist. 

 

Dem möchte ich auf die Spur kommen. Irgendwann hat das ja alles angefangen. Nicht weil jemand gesagt hat: Wir brauchen jetzt eine Kirche oder wir gründen eine Gemeinde. Sondern weil sie... ja was eigentlich? 

 

Wir schauen auf zwei Gewährsleute aus der Bibel, mit denen alles anfing. Zuerst auf Petrus, dann auf Abraham. Das sind unsere Kronzeugen. Fangen wir mit Petrus an.

 

Jesus war von Anhängern jener geistlichen Erneuerungsbewegung in Galiläa gewarnt worden, die das Neue Testament "Pharisäer" nennt. Bei vielen von Ihnen war er verhasst, aber nicht bei allen. Es gab auch solche, die ihm bei aller Kritik wohl wollten und das Gespräch mit ihm suchten. Möglicherweise waren sie es, die ihn warnten: Der Boden hier wird langsam zu heiß für dich. Du solltest das Weite suchen. Galiläas Landesherr, Herodes Antipas, hatte schon den Täufer Johannes gewaltsam beseitigen lassen. Der war ein scharfer Kritiker und war ihm auf Grund seiner Beliebtheit im Volk zu gefährlich geworden. Herodes hatte Angst, Jesus könnte so eine Art wiederauferstandener Johannes sein und plante offensichtlich, ihn ebenso zur Seite zu schaffen. 

 

Jesus zog zunächst selbst durchs Land und schickte dann seine Schüler, die im seinem Namen in gleicher Weise auftraten wie selbst. Aber nun war seine Mission in Galiläa beendet. Sie war zunächst eine ausgesprochen eindrucksvolle Erfolgsgeschichte. Aber sie schuf nicht nur Anhänger und Jünger, sondern auch Feinde. Der Widerstand in den etablierten politischen und kirchlichen Kreisen wuchs ständig und schließlich war die Situation hoch gefährlich geworden.

 

Jesus war aber von Anfang an klar: Für ihn würde diese Mission tödlich enden - jedoch nicht in Galiläa, sondern in Jerusalem. Dorthin zu ziehen sieht er sich berufen, und damit stellt er sich in die Tradition der Propheten, die schon vor ihm dort ihr Leben verloren haben. Und er weiß: Von dort wird er nicht nach Galiläa zurückkommen. 

 

Noch ist es aber nicht woweit. Noch zieht er nicht nach Jerusalem. Würde er das tun, dann müsste er durch Tiberias, der Residenzstadt des Herodes Antipas, und das würde kaum verborgen bleiben. Die Gefahr, schon dort verhaftet zu werden und auf diese Weise gar nicht bis nach Jerusalem zu kommen, ist zu groß. Nach Jerusalem will Jesus auf jeden Fall.

 

Stattdessen wendet er sich mit seinen Leuten in die entgegengesetzt Richtung, nach Norden, was er gerne mal tut, um sich dort zurückzuziehen, wo einen niemand kennt und was mit ihm anfangen kann. Dieses Mal suchen sie die Gegend um Cäsarea Philippi (heute Banyas) am Fuß des Hermongebirges auf, im Grenzgebiet, schon im Herrschaftsbereich des Philippus, des Bruders von Herodes Antipas, gut 50 km nördlich vom See Genezareth. Dort sind sie einigermaßen sicher und können zu Ruhe zu kommen. Jesus braucht die Zeit, auch um seine Jünger auf das vorzubereiten, was jetzt kommt. Die Zeit in Galiläa ist vorbei, jetzt ist Jerusalem das Ziel. 

 

Jetzt hat Jesus Zeit für intensive Gespräche mit seinen kleinen Gruppe. Sie sind Gelegenheit für die entscheidende Frage, die er ihnen stellt. Und die entscheidende Antwort aus dem Mund des Petrus, von der alles weitere abhängt.

 

Die Bibel am Stück 2

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