Die Neue EKD

Meine Vision von dem, was kommt, als fiktiver Brief an die leitenden Geistlichen:

  • Ja zur Volkskirche, aber nicht wegen der Kirchensteuer, sondern wegen der Taufe
  • Ja zur Parochie, aber nicht als flächenbezogene, sondern ortsgebundene Gemeinde
  • Die Gemeindeglieder nicht als Kunden, sondern als Träger des Gemeindelebens
  • Pfarrerinnen erhalten ihre Freiheit, die sie zwingend für ihren Dienst brauchen
  • Sie sind nicht in die Gemeinde- und Kirchenleitung eingebunden, damit sie Autorität entfalten können.

Liebe Mitglieder des Rates, der Synode und des Zukunftsteams der EKD,

 

Ihre “Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ lassen mich ein wenig ratlos zurück. Aber eines wird an ihnen unmissverständlich deutlich: Die Evangelische Kirche steht vor einen einem tiefgreifenden und umfassenden Umbruch.

 

Sie können Ihren entschlossenen und selbstbewussten Beitrag dazu leisten, indem Sie darauf verzichten, die Evangelische Kirche zu steuern. Die “Elf Leitsätze“ deuten darauf hin, dass Sie das Gegenteil planen. Sie wollen das Steuer fester in die Hand nehmen und das kirchliche Geschehen enger an sich binden, was besonders im 9. Leitsatz zum Ausdruck kommt. Was aber wäre, wenn Sie die Steuerung des kirchlichen Lebens, im Sinne einer Art Schwarmintelligenz, den Gemeinden selbst überlassen? Muten Sie das den Gemeinden zu und bringen Sie ihnen Vertrauen entgegen! Sie werden sich mutmaßlich auf verblüffende Weise dazu in der Lage zeigen. Ihre Aufgabe wird sein, dieses Geschehen zu beobachten, zu analysieren, zu deuten, Stellung dazu zu nehmen, nach außen darzustellen, zu moderieren, zu vermitteln. Aber Sie greifen niemals in die Hoheit der Gemeinden ein. Sie werden Sie mit Ihren Kompetenzen unterstützen. Aber nicht deren Verantwortung für sich selbst abnehmen.

 

Heute ist die evangelische Kirche einer Behörde nachempfunden. Diese Gestalt der Kirche entstammt Zeiten, in denen mehr oder weniger alle Bürgerinnen und Bürger Mitglied einer Kirche waren und in der man keine Entscheidung treffen musste, um Mitglied der Kirche zu sein, anders als beim Verzicht auf die mit der kirchlichen Steuerpflicht verbundenen Mitgliedschaft. Solange die Kirchenaustritte in überschaubarem Rahmen blieben, konnte dieses System beibehalten werden. Die Kirchenmitgliedschaft hatte den Charakter des Selbstverständlichen. Sie wurde für lange Zeit nicht in Frage gestellt. Sie war fest mit dem Vollzug der (Kinder-)Taufe verbunden. Sie war aber nie verbunden mit einer bestimmten Einstellung zum christlichen Glauben, auch nicht mit der Bereitschaft, kirchlich aktiv zu werden. Tatsächlich war die Einstellung der Mehrheit der kirchlichen Mitglieder wie des Volkes in aller Regel ambivalent, diffus, uneindeutig. Sie stimmte der Botschaft der Kirche weder eindeutig zu noch lehnte sie sie eindeutig ab. Diese Ambivalenz, wenn man so will, diese fehlende Klarheit, die bislang ausgebliebene Antwort war Grundlage und Anlass, in der Kirche weiter zu bleiben und die Kirchensteuer zu zahlen.

 

So wenig diese Ambivalenz, die heute noch dieselbe ist wie schon immer, seiner Zeit Anlass war, aus der Kirche auszutreten, so wenig verhindert sie heute den Kirchenaustritt, nachdem die Kirchenmitgliedschaft nicht mehr selbstverständlich ist. Aber ebenso wenig verhindert sie den endgültigen Abschied vom Christentum. Die Zahlen bzgl. der Mitgliedschaft haben sich dramatisch gewandelt, bei der vertrauten Ambivalenz ist es geblieben. Man könnte auch sagen: Die Tür ist nicht zugefallen. Die Option bleibt bestehen. Dazu ist unsere Kultur zu eng mit dem Christentum verwurzelt. In diesem Sinne werden die Kirchen, auch wenn ihnen kirchensteuerpflichtig nur noch eine Minderheit angehört, unverzichtbar bleiben. Sie werden die Kirche nicht los. Sie werden uns brauchen. Das hat, ganz einfach, mit der Frage zu tun, worauf der Mensch im Leben und Sterben sich verlassen kann und vor wem er sich verantworten will. Diese Frage wird der Mensch nicht los. Er kann sie selbstständig und eigenverantwortlich entscheiden, aber er muss sie entscheiden. Er ist nicht gezwungen, sie mit dem Christentum zu beantworten. Jedoch dürfte es ihm nicht leichtfallen, zu ignorieren, was Jahrhunderte und Jahrtausende die weltanschauliche, religiöse und philosophische Grundlage unserer Kultur war. Auch dann, wenn er das Christentum in seine Sinn-Orientierung nicht einbezieht, wird er sich mit ihm auseinandersetzen. Es wird auch in Zukunft eine dominierende Rolle spielen, auch wenn das Verhältnis zu ihm weiterhin ambivalent bleiben wird. Wäre es nämlich anders, würden an Stelle des Christentums andere Mächte und Gewalten den Platz einnehmen oder sich Orientierungsunsicherheit oder gar Orientierungslosigkeit breit machen. Wenn nicht klar ist, welche Werte das Miteinander der Menschen leiten soll - und das wäre zwangsläufig mit einem endgültigen Abschied des Christentums verbunden - dann wäre das mit erheblichen gesellschaftlichen Verwerfungen und allen dazugehörigen grausamen Folgen verbunden. Drittes Reich, Stalinismus, Fundamental-Islamismus oder die Populismen der Gegenwart mögen so etwas andeuten. Wenn die Basis gemeinsamer Werte zusammenbricht, hätte das kaum auszudenkende Auswirkungen. Die Existenz der Kirchen, wie auch immer ihre Mitgliedschaft beschaffen sein mag, liegt im öffentlichen Interesse. Auch mit einer geringen Anzahl an Mitgliedern hat die Kirche also Schlüsselstellung im gesellschaftlichen Leben inne. Die Mehrheit muss sich nicht mit dem Christentum identifizieren, aber sie muss sich mit ihm auseinandersetzen und das tut sie auch.

 

Wenn die beschriebene Ambivalenz bisher nicht oder wenig daran gehindert hat, Mitglied in der Kirche zu bleiben, aber in der Gegenwart kein Hindernis für den Austritt darstellt, dann stellt sich die Frage, welche Folgen diese Entwicklung für die Kirche selbst hat. Die Antwort könnte - aus meiner Sicht müsste sie - lauten: An die Stelle des Prinzips der Flächendeckung und des Monopolcharakters - das Monopol nehmen die beiden großen Kirchen gemeinsam wahr - tritt das Prinzip des verlässlichen Ortes. Parochien und Ortsgemeinden werden nicht mehr gebietsbezogen, sondern ortsbezogen definiert. Die Kirchengemeinde repräsentiert nicht mehr ein festgelegtes Gebiet, das in aller Regel die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zur jeweiligen Gemeinde definiert, sondern einen bestimmten Ort, i. d. R. den Ort ihrer Gottesdienste und Zusammenkünfte. Dem kommt entgegen, dass Kirchengebäude, die noch immer und auch weiterhin das Stadt- und Landschaftsbild prägen, in ihrem Bestand und ihre Existenz nicht in Frage stehen. Sie sind schlicht unersetzbar, aber nur dann, wenn sie, in welcher Form auch immer, Leben in sich beherbergen. Die Gottesdienste, die dort gefeiert werden, wenn sie denn christliche Gottesdienste sind, sind stets öffentliche Gottesdienste. Nicht die Anzahl der Mitglieder sind es, sondern die Öffentlichkeit der Gottesdienste ist es, die die Kirche zur Volkskirche, zur öffentlichen Kirche macht. Wir halten solche Orte der Gottesbegegnung offen und für jeden zugänglich. 

 

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