Die Neue EKD (3/3)

Dies wiederum hat zur Folge, dass man in Zukunft nicht mehr Mitglied der Kirche ist, sondern Mitglied der eigenen Gemeinde. Die Mitglieder zahlen keine Kirchensteuer mehr, sondern Mitgliedsbeiträge an die Gemeinde, die durch Spenden, Kollekte und, falls öffentliche Interessen bestehen, sich durch öffentliche Mittel ergänzt werden. Mitglieder der Kirche sind als juristische Personen nun die Gemeinden. Die dadurch entstehende Bindung an die Gemeinde dürfte um ein Vielfaches höher sein als im bisherigen Verfahren, bei dem der Wohnsitz über die Mitgliedschaft entscheidet und nicht, wie in Zukunft, die persönliche Entscheidung. Die Anzahl der hoch verbundenen Mitglieder wird wesentlich kleiner sein als bei einer durch die Kirchensteuerpflicht markierten Mitgliedschaft.

 

Dennoch gibt es keinen Grund, den Anspruch, Volkskirche zu sein, als Kirche für das Volk, aufzugeben. Das ist die Folge einer Grundentscheidung, über die sich unsere Kirche klar werden müsste und die meiner Einschätzung theologisch unbedingt geboten ist: Wir nehmen uns die Freiheit, alle Getauften als der einen, heiligen, apostolischen, katholischen und evangelischen Kirche zugehörig anzusehen - unabhängig davon, ob sie in der evangelischen, katholischen oder sonst einer Kirche getauft wurden und unabhängig davon, wie sie sich selbst sehen. Damit wird niemand vereinnahmt und niemandem die Freiheit genommene, sich selbst nach eigener Entscheidung anzusehen, aber jede und jeder Getaufte hat Anspruch darauf, bei uns auf- und angenommen zu werden, wenn er oder sie danach begehrt.

 

Für das Pfarramt besteht unter solchen Voraussetzungen keine Notwendigkeit einer festen und dauerhaften Bindung an eine Gemeinde. Pfarrerinnen und Pfarrer können gleichzeitig mehreren Gemeinden dienen und es wird Gemeinden geben, die auf pfarramtliche Dienste verzichten, weil sie alles selbst regeln oder ihnen Prädikantinnen oder Prädikanten zur Verfügung stehen. Pfarrerinnen und Pfarrer gehören der Gemeindeleitung nicht mehr an geschweige denn, dass sie den Vorsitz übernehmen. Man könnte auch sagen: Damit den Dienerinnen und Dienern am Wort die nötige Autorität zuwachsen kann, müssen Sie von Leitungsaufgaben entlastet werden. Die Dienstaufsicht und der Auftrag zur Ordination bleibt weiterhin bei der jeweilige Landeskirche, der Pfarrdienst könnte weiterhin durch Umlage finanziert werden. Die einzelnen Dienste in den Gemeinden könnten vertragsweise geregelt werden; dieses Verfahren würde an die Stelle der Einrichtung herkömmlicher Pfarrstelle treten.

 

Weil die Gemeinden sich selbst verwalten, sich selbst verantworten und für sich selbst die Haftung übernehmen, bekommen Landeskirchen und EKD als Dachorganisationen einen völlig anderen Charakter. Sie sind dann nicht mehr die riesigen, zentral gesteuerten Apparate, in die die Gemeinden über die mittleren Leitungsebenen eingegliedert und denen sie untergeordnet sind. In welche Richtung sich die Kirche insgesamt bewegt, wird dann nicht mehr oben entschieden, sondern im Sinne einer Art Schwarmintelligenz unten. Die Funktion der Kirchenkreise, der Landeskirchen und der EKD besteht nicht mehr darin, zu verwalten, sondern zu unterstützen, zu beraten, zu vermitteln, zu moderieren, nach außen zu repräsentieren und die Dienste zu organisieren, die von den Gemeinden selbst nicht geleistet werden können (wie Diakonie, Medien, Ausbildung, Forschung und Lehre, Dienstaufsicht für den Pfarrdienst).

 

All das setzt ein tiefgreifendes Umdenken voraus. Es wird Zeit brauchen. Entscheidend ist, dass es eine Perspektive gibt und wir wissen, wohin wir wollen und müssen. Denn es kann keinen Zweifel daran geben, dass die evangelische Kirche, wie überhaupt die Kirchen, gebraucht wird. Sonst werden die Antworten auf die Fragen nach der menschlichen Existenz andere geben. Ob es sich dann dabei um heilsame Antworten handeln wird, das wird nicht von vornherein ausgemacht sein.

 

Ihre “Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ bieten eine solche Perspektive nicht. Die Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, Selbstverständlichkeiten, unbelegten Behauptungen und Leer-Sätzen lassen ein greifbares Bild, wie die Kirche im Zukunft aussehen soll, nicht erkennen. Die Rede von Flexibilisierung, Individualisierung, Dynamisierung u. dgl. lassen die Vorstellungen ins Diffuse verschwimmen und laden zur Willkür ein. Die Autoren merken offensichtlich nicht, wie sie mit Vorwürfen, die sie in Begriffe wie “Amtskirche“, “Vereinskirche“, “Selbstbezüglichkeit“, “Selbstbeschäftigung“ oder “Beharrungskräfte“ (die „einzuhegen“ sind) kleiden, diejenigen, die gemeint sein könnten, verunsichern, einschüchtern, verletzen und ihnen vorsorglich die Schuld zuweisen. Der Widerspruch zwischen der Forderung nach flachen Hierarchien, dezentralen Formaten sowie kleinen, aktiven Gruppen und der nach einer verschlankten Organisationsstruktur und Verwaltung, verschärften Ansprüchen an das gesamtkirchliche Leitungs- und Steuerungshandeln sowie der Steigerung von Koordination und Kooperation im Leitungshandeln lassen vermuten, dass Sie sich nicht wirklich im Klaren darüber sind, was sie wollen.

 

Und noch ein Letztes: Das Herz der Kirche ist nicht die Weitergabe von Glaubenswissen, sondern der Glaube. Auch der inzwischen abgenutzte Gebrauch der Formulierung “Kommunikation des Evangeliums“ ist nicht mehr hilfreich, weil sie nicht erkennen lässt, dass ohne Begegnung und Beziehung von der Kommunikation des Evangeliums nicht die Rede sein kein.

 

Deswegen meine Bitte an Sie, liebe leitende Verantwortliche in der Evangelischen Kirche in Deutschland: Verfolgen Sie diese elf Leitsätze nicht weiter. Sie führen in die Sackgasse. Wie mit den drängenden Zukunftsfragen umzugehen ist, dafür habe ich hier versucht, einige Impulse zu setzen. Dass es am Ende völlig anders kommen wird, ist mir natürlich klar. Aber um einen Weg zu beginnen, muss man ihn erst er einmal markieren. Auch wenn er am Ende wo ganz anders hinführt.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Gottes Segen bei der Wahrnehmung Ihrer großen und schweren Verantwortung für den Weg unserer Kirche in die Zukunft.

 

Mit herzlichen Grüßen,

Stephan Sticherling

 

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