Die Neue EKD (2/3)

Das ist aber nur denkbar, wenn diesen Orten Ausstrahlung und Anziehungskraft zu eigen sind. Die können nur entstehen, wenn sich dort feste, verbindliche und verlässliche Gemeinschaften treffen. Ich teile mit Christian Wolff die Befürchtung, dass mit den elf Leitsätzen “die Abkehr von zwei Grundsäulen kirchlichen Lebens: die Gemeinde vor Ort und der Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen“ bezweckt wird. Dagegen ist mit Gisela Kittel zwingend festzuhalten: Es gibt einen Ort, "wo mitten unter uns 'die geheimnisvolle Wirklichkeit Gottes und der vertraute Alltag der Welt‘ (Annette Kurschus) in Kontakt treten, wo sich eine Tür öffnet in das hinein, was in der jenseitigen Welt Gottes bereits „grundgelegt“ ist. Es ist der so ins Abseits geschobene, nicht mehr wertgeschätzte, ja, herabgewürdigte Gottesdienst der christlichen Gemeinde! Hier wird, auch wenn nur noch von wenigen Christen gefeiert, der schon fast vergessene und dem allgemeinen Bewusstsein entschwundene Name Gottes angerufen, hier wird er, offenbar geworden in seinem Sohn Jesus Christus, öffentlich genannt. Und das nicht nur von einzelnen Vertretern der Christenheit, sondern von einer Gruppe von Menschen, einer christlichen Gemeinschaft. Und sie nennt diesen Namen nicht bloß. In ihren Gottesdiensten wird das Elend der Welt – etwa in der Fürbitte – vor dem Angesicht des dreieinigen Gottes und in seiner geglaubten Gegenwart ausgesprochen. Hier wird in Bitte und Klage zu ihm gerufen. Hier wird über alle Fragen und Nöte hinaus IHM, in dem die neue Welt der Liebe, der Barmherzigkeit und Versöhnung schon ihren Anfang nahm, die Ehre gegeben; hier wird sein Lobpreis angestimmt. Und damit dies auch öffentlich geschieht, nicht im Geheimen, und jedermann, der möchte, hinzu kommen kann, dazu läuten sogar an jedem Sonntag morgen über den Ort hinweg die Glocken!”

 

Die Gottesdienstgemeinde besteht aus Mitgliedern bzw. Mitwirkenden auf der einen Seite und auf der anderen aus - willkommenen - Gästen, die die Freiheit haben, zu kommen und zu gehen. Das macht die Eigenart des christlichen Gottesdienstes aus. Eine solche echte Ortsgemeinde erfordert eine Mitgliedschaft, die in weit höherem Maße verbunden, engagiert und beteiligt ist als dies bei der kirchensteuerbasierten Mitgliedschaft in der Regel der Fall ist.  Es werden sehr viel weniger sein, die sich aber sehr viel mehr in Anspruch nehmen lassen. Die Finanzierung solcher Orte wird völlig anders sein als bei der Kirchensteuer und sich aus verschiedenen Quellen wie Spenden, Kollekten und Mitgliedsbeiträgen speisen. Es wird unterschiedliche Formen der Beteiligung geben, wie z.B. Gastmitgliedschaften, Fördermitgliedschaften und dauerhafte Mitgliedschaften. Nur eines muss klar sein: es muss diese festen und verlässlichen Orte geben. Das wird die große Verantwortung sein, die der evangelischen Kirche zuwächst.

 

Das wird nur möglich sein, wenn die Gemeinde nicht länger nicht mehr sind als Unterabteilungen höhere kirchlicher Leitungsebenen. Eine Kirchengemeinde ist ja nicht wirklich eine Gemeinde, sondern eine auf ein genau definiertes (= abgegrenztes) Gebiet bezogene Verwaltungseinheit, auf die auch das jeweilige Pfarramt bezogen ist. Ob sich in deren Rahmen tatsächlich Gemeinde bildet oder nicht, ist nicht systemrelevant, solange es bei der beschriebenen Selbstverständlichkeit der Kirchenmitgliedschaft bleibt. Das liegt auch nicht im primären Interesse der für die jeweilige Verwaltungseinheit zuständige Verwaltung. Die Erfahrung zeigt, dass die kirchliche Verwaltung die Gemeinden keineswegs davon entlastet, sich selbst um die eigene Verwaltung zu kümmern, sondern sich, im Gegenteil, durch Zusammenlegung und Zentralisierung und dem damit verbundenen Abstimmungs-, Verabredungs-, Klärungs- und Kommunikationsbedarf sich immer mehr breitmacht und immer mehr das kirchliche Leben prägt.

 

Stattdessen müssen die Gemeinden ihre vollständige Freiheit und Selbstverantwortung erhalten. Das wird jedoch zur Folge haben, dass sie im nahezu vollen Umfang für sich selbst haften müssen, was zu einem umfassenden Umbau der Gemeindelandschaft führen wird. Viele werden so nicht mehr existieren können, andere werden neu entstehen. Es werden sich Gemeinden verbinden, andere werden sich aufspalten, es wird Kooperationen, gemeinsame Projekte und dergleichen geben. Sie werden selten, wie jetzt, Tausende von Mitgliedern haben, sondern lediglich - dann aber hoch verbundene - Hunderte. Sie werden eine äußerst bunte Landschaft von unterschiedlichen, auch unterschiedlich großen Gemeinden bilden, auch mit sehr viel mehr Bewegung und Veränderungsbereitschaft. Verbunden sind diese sehr vielfältigen und unterschiedlichen Gemeinden durch ihre Herkunft und ihre Bekenntnisgrundlage sowie durch ein gemeinsames “Kirchendach“, dass aus der EKD, den Landeskirchen und den mittleren, regionalen Leitungsebenen (wie Kirchenkreisen, Dekanaten u. dgl.) besteht.

 

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