Die singende Wolke

Predigt-Meditation zu Kantate über 2. Chronik 5,2-5.12-14 (den Text finden Sie hier)

 

Die Chronikbücher im Alten Testament kommen in unserer Lektüre der Heiligen Schrift sehr selten vor. Meiner Erinnerung waren sie in der alten Ordnung der Predigttexte überhaupt nicht vorgesehen. Dieser Abschnitt heute ist neu hinzugekommen, und, wenn ich richtig sehe, bleibt er der einzige aus den Chronikbüchern. Die Leute damals, das mag im vierten Jahrhundert vor Christus gewesen sein, haben gründlich ihre Bibel gelesen - und sie noch mal neu geschrieben. Sie wollten sie nicht verbessern oder korrigieren. So was tut man mit heiligen Schriften nicht. Aber sie wollten die Akzente etwas anders setzen. Sie hatten einen anderen Blickwinkel. Die Dinge hatten sich weiterentwickelt. Israel war schon seit längerem und sollte es für lange Zeit auch kein nennenswerter politischer Faktor in der Region sein, eigentlich bis 1947 nicht mehr. Das Interesse galt Israel nicht mehr so sehr als Staat denn als Gemeinde. Das geistliche Leben rückte im Blickpunkt des Interesses mehr an die Stelle politischer Fragen. Ob noch mal ein Davidsnachkomme den Thron besteigt, hat die Menschen nicht mehr wirklich interessiert. Und der große David selbst, ja, der stand sehr im Mittelpunkt, aber er war weniger der Kriegsherr, der Politiker, der Stratege, er war für die Menschen damals vor allem der Dichter, der Musiker, der liturgische Erneuerer.

 

In dem Maße, wie Israel sich vom Staat zur Gemeinde entwickelte, gewann der Gottesdienst an Bedeutung. Es war die große Zeit der Psalmen, die meisten sind in dieser Zeit entstanden. Der Gottesdienst wurde mehr und mehr zum Zentrum des öffentlichen Lebens, und am Anfang des Gottesdienstes standen, wie gesagt, David und Salomo. Und die Geschichte des Gottesdienstes fing, so war damals die Perspektive, mit der Einzug der Lade in den Tempel an, jenem kunstvoll angefertigten Holzkasten mit den beiden Tafeln, auf denen die Bundesurkunde verzeichnet war, die Zehn Gebote. Und wie noch heute, vor allem in der katholischen Kirche, ist jeder feierliche Einzug mit festlicher Musik verbunden. Ein riesiger Chor, hundertzwanzig Blechbläser und jede Menge Saiten- und Schlaginstrumente. Tasteninstrumente und Orgeln gab es noch nicht, deswegen muss man sich wohl die Gottesdienstmusik eher rhytmisch-rockig vorstellen, auf jeden Fall mitreißend, und keiner der Anwesenden konnte sich dem entziehen.

 

Die bildende Kunst hat ja in den Schriften der Bibel einen eher schweren Stand, aber die Musik durchzieht sie wie ein roter Faden, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Die Opferdarbringungen sind später in Vergessenheit geraten, aber die Musik steht im Zentrum, sowohl im jüdischen wie im christlichen Gottesdienst. Man muss einfach mal googlen, dann wird man feststellen, wie kreativ gerade jüdische Gottesdienste im Blick auf Musik und Gesang sind.

 

Hier steht auch, warum das so ist. Die Musik, das Gotteslob sorgt nämlich für eine Wolke, die das Haus erfüllt, "sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes". Das ist nicht ungewöhnlich. Das kennen viele von uns. Viele können sich an Gottesdienste erinnern, in denen der Gesang, die Musik das Gotteshaus mit der Herrlichkeit des Herrn erfüllte. Und dann kommt man wirklich nicht an den Altar ran - ich weiß, wovon ich rede. Da muss man wirklich warten, denn die Wolke der Herrlichkeit Gottes nimmt sich Zeit, um auf der Gemeinde zu ruhen. Da sollte man sie wahrlich nicht stören. Ich habe das oft erlebt. Meine Kindheitserinnerungen sind Ort des "O du Fröhliche" am Ende der Christvesper mit unserem riesigen Posaunenchor. Das ging mir als Kind durch Mark und Bein. Ich weiß noch, wie bewegt ich war, als bei einer Primiz in Südtirol, das war im Urlaub, die katholische Gemeinde voller Inbrunst "Ein Haus voll Glorie" gesungen hat (wir hätten an der Stelle wohl "Nun danket alle Gott" gesungen). Ich war in charismatischen Gottesdiensten, wo einen die Anbetungsmusik regelrecht wegträgt. In Taizé oder bei Sylvester-Taizétreffen um Sylvester in irgendwelchen europäischen Hauptstädten kann man durchaus ähnliches erleben und das geht auch gut beim Eingangschor der Matthäuspassion. - Ich predige leidenschaftlich gerne, aber ich könnte auf alle meine und sonstige Predigten eher verzichten als auf den Schlusschoral "Ach Herr, lass dein Lieb Engelein" aus der Johannespassion oder die Strophe "Ich steh an deiner Krippen hier" oder "Christ ist erstanden." Die Musik im Gottesdienst ist alles andere als Beiwerk. Sie steht im Zentrum, ist das Herzstück. Sie ermöglicht uns, vor Gott zu stehen. Lasst uns unsere Predigtproduktion um 50% kürzen - aber tastet den Gesang der Gemeinde nicht an! Was im Leben des Einzelnen die Stille ist, das ist im Leben der Gemeinde der Gesang. Stille und Gesang sind die Mittel, die Gott mitten unter uns wohnen lassen.

 

Ich bin sehr froh, dass ich den letzten Jahrzehnten meines Dienstes durchweg mit erstklassigen Kirchenmusikern unserer Landeskirche meine Gottesdienste feiern konnte. Das war zunächst der quirlige Jens-Peter Enk, der offen war für jede aufkommende Idee und davon selber genug hatte. Gottesdienste konnten mit ihm einfach nicht langweilig werden. Da waren in Altenberg Andreas Meisner und Konni Kupski, die die Altenberger Dom-Orgel immer wieder zum Ereignis werden ließen. Die Bachpassionen, das Verdi-Requiem, die Lobgesangsymphonie von Mendelssohn, die D-Dur-Messe von Dvorak und jedes Jahr beide Teile des Weihnachtsoratorium - und ich kam immer statt mit einer Eintrittskarte mit einem Grußwort im Namen der Domgemeinde, so dass ich immer in der ersten Reihe sitzen durfte. Und dann schließlich Elisabeth Szakacs in Solingen, mit mehreren erstklassigen Chören und stets hoffnungslos ausverkauften und bis ins Detail ausgefeilten Gospelkonzerten. Und so verschieden sie waren, sie hatten alle eins gemeinsam: Sie haben den Gottesdienst nicht als Basislager für ihre Konzerttätigkeit angesehen, sondern sie haben dem Gottesdienst gedient und sahen ihre Aufgabe darin, Gott die Ehre zu geben und ihn unter uns wohnen zu lassen.

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