Showdown in Jerusalem (Predigt für Karfreitag 2020 über 2. Kor 5,19-21)

Den Predigttext für Karfreitag finden Sie hier.

 

Sie redeten nicht viel auf ihrem Weg nach Jerusalem. Jeder hing seinen Gedanken nach. Jesus war sich sehr im Klaren darüber, was auf ihn dort wartete. Er machte sich keine Illusionen mehr darüber. Obwohl… manchmal kam ihm wohl schon der Gedanke, vielleicht kommt es am Ende doch noch ganz anders. Aber den schob er meist schnell beiseite.

 

Seine Jünger waren ganz woanders. Von dem, was in Jesus vorging, ahnten sie nichts. Sie freuten sich auf Jerusalem. Und sie hatten Angst. Sie waren hoch gespannt. Sie waren drauf gefasst: Jetzt kommt es zum Showdown. Jetzt zeigt sich, wer die Macht hat. Jetzt entscheidet sich, wer sich durchsetzt. Die römischen Militärs und die Jerusalemer Priesterclique oder der Messias Jesus? Für sie war klar, wer am Ende Sieger wird. Aber waren sie sich wirklich so klar?

 

Sie näherten sich der Hauptstadt, sie sahen schon die Türme, dann die Mauern – und ihre Hoffnungen bestätigten sich erst mal. Sie wurden schon erwartet. Die Jerusalemer wussten, dass er kommt. Sie standen am Tor, winkten ihm mit Palmenzweigen zu, sie waren begeistert, sie waren seine Fans. Hosianna, dem Sohn Davids. Das fing echt gut an.

Dann betraten sie die Stadt, und wie in den letzten Jahren auch, immer wenn sie zum Pessach hierhinkamen, führt der Weg erst Mal in den Tempel, in jenes großartige Gotteshaus, das damals das Stadtbild beherrschte. Irgendwo in diesem riesigen Komplex suchte Jesus für sich und seine Jünger einen Ort, wo sie zur Stille kamen und beten konnten, bevor sie ihr Quartier in Bethanien vor den Toren der Stadt bezogen und einen Raum für Pessach suchten.

 

Aber er kam nicht weit mit seiner Suche. Im Vorhof, wo die Tempelwährung eingetauscht und die Opfertiere verkauft wurde, herrschte die Atmosphäre, wie wir sie aus Markthallen und von Bahnhöfen kennen. Jesus, vielleicht auch deswegen, weil er unglaublich angespannt war, rastete regelrecht aus, stieß die Tische und Stände der frommen Geschäftsleute um und zitierte den Propheten Jesaja: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Man mag diese Szene durchaus als warnendes Gleichnis lesen: Wenn Menschen in der Kirche die Stille suchen und auf Geschäftigkeit stoßen, stimmt irgendwas nicht. Für die Jünger muss das aufregend gewesen sein. Jetzt geht’s langsam los.

 

Am Tag des Pessach, was in der Lutherbibel „Passamahl“ genannt wird – das diesjährige war übrigens vorgestern Abend – bezogen Jesus und seine Jünger dafür einen größeren, schön ausgestatteten Raum und legten sich zu Tisch, man saß ja nicht auf einem Stuhl, sondern auf dem Boden. Das Passamahl wurde, damals wie heute, nach einer streng festgelegten Ordnung absolviert, aber zwischendurch gibt’s auch Phasen, wo man es sich schmecken lässt, ins Gespräch kommt, Witze macht, sich noch ein Glas mehr einschenkt. So haben sie es auch gehalten. Die gute Stimmung vereiste schlagartig, als Jesus sagte: Einer wird mich verraten und Judas den Raum verließ. Und noch was war komisch für die Jünger. Am Anfang nahm Jesus eine dieser dünnen ungesäuerten Mazzen-Scheiben, brach sie in Stücke, für jeden eins, legt sie in eine Schale, die er herumreichte. Jeder sollte sich eines der Brotstücke nehmen und essen. „Das ist mein Leib“, sagte er dazu. Die Jünger wunderten sich, verstanden auch nichts, aber sie waren es ja gewohnt, dass Jesus sich souverän über die Tradition hinwegsetzt: „Ich aber sage euch.“ Und am Ende noch einmal: Da nahm er einen Weinbecher und reichte in rum mit den Worten: „Das ist mein Blut.“ Sie machten es mit. Dann beteten sie noch die Psalmen, die das Ende des Passamahl markierten und danach gingen sie, ein bisschen müde von dem guten Essen und dem guten Wein, aus der Stadt raus, das Kidrontal runter, auf der anderen Seite wieder rauf, zum Gethsemane, einem Garten mit Ölbäumen, einem ihre Lieblingsplätze, wo man sich ausruhen und die Seele baumeln lassen konnte.

 

Sie waren viel zu müde, um mitzubekommen, dass Jesus jetzt wirklich Angst hatte. Und dass er verzweifelt war. Am Ende. Die Souveränität, mit der er noch das Passamahl leitete, war nun völlig verflogen. Und dann kamen sie auch schon, von Judas angeführt, um ihn mitzunehmen. Das muss der Moment gewesen sein, in dem für die Jünger eine Welt zusammenbrach. Von einem auf den anderen Augenblick. Eben noch standen sie, wie sie es sich erhofften, unmittelbar vor dem Amtsantritt des Messias – und jetzt plötzlich war alles ein Riesenirrtum – alles, wirklich alles was sie mir Jesus erlebt hatten. Der Jüngerkreis löste sich schlagartig auf, sie hauten ab, suchten das Weite, „ein jeder sah auf seinen Weg“ (Jes 53,6). Und irgendwann später werden die Gerüchte zu ihnen gelangt sein: Sie haben ihn wirklich umgebracht, die Priester und die Militärs. Sie haben ihn brutal am Kreuz stundenlang verbluten lassen.

 

Und jetzt sind die Jünger da, wo viele ihre Zeitgenossen damals schon waren. Und viele unsere Zeitgenossen heute sind. Bei der Frage: Wo war da Gott? Wie kann Gott, wenn er denn Gott ist, das zulassen? Die Macht des Pilatus, des Herodes, des Kaiphas, des Trump, des Putin, des Bolsonaro des Erdogan bleiben unangetastet. Die bleiben fest im Sattel. Die Armen bleiben Arm. Die Gottverlassenen bleiben verlassen. Und wenn einer gescheitert ist, wenn einer hier wirklich gescheitert ist: Dann ist es Gott selbst.

 

In diesem Moment, als sie von der erfolgten Hinrichtung Jesu hörten, da war das, was sie mit Jesus erlebt hatten, der Beweis dafür, dass mit Gott nicht mehr zu rechnen war. Wenn nichts weiter passiert wäre, dann wären sie nach Hause gegangen, wären ihren Beruf nachgegangen, hätten Familie gegründet, hätten ihr Leben gelebt, hätten ihre Hobbys gehabt und wären aus der Kirche ausgetreten. Einen Vorwurf hätten wir ihnen daraus nicht machen dürfen.

 

Aber Sie haben in diesem Augenblick nicht präsent gehabt, was im Buch des Propheten Jesaja zu lesen ist: Er trug unsere Krankheit, lud auf sich unsere Schmerzen und durch seine Wunden sind wir geheilt. Sie konnten nicht wissen, dass einer der Funktionäre auf der anderen Seite einmal den Satz schreiben würde: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So bitten wir an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Sie konnten nicht ahnen, dass es einmal den Hebräerbrief geben würde, in dem zu lesen ist, dass der wahre Hohepriester Jesus selbst war, und dass das Opfer, das er darbrachte, auch er selbst war – ein Opfer, das für alle reicht. Weswegen nie wieder Opfer dargebracht wurden. Sie konnten nicht damit rechnen, dass der Evangelist Johannes dem sterbenden Jesus das Wort auf die Lippen legte: Es ist vollbracht.

Das alles konnten sie in diesem Augenblick nicht wissen. Für sie war das der glänzende Sieg einer trostlosen und hoffnungslosen Realität. Ein Sieg des Lebensgefühls, dass alles sowieso irgendwann den Bach runtergeht.

 

Ekkehard Rüger hat in der landeskirchlichen Zeitungsbeilage vom Donnerstag, sie werden sie vielleicht gelesen haben, den Satz geschrieben: „Die Verlockung liegt nahe, den düsteren Karfreitag einfach zu überspringen.“ Damit hat er recht. Wenn wir dieser Verlockung nachgeben, werden wir auch Ostern nicht wirklich begreifen. Ostern ohne Karfreitag funktioniert nicht.

 

Darum lässt uns heute bei den Menschen aushalten, für die, wie auch immer, „Gott“ zusammengebrochen ist. Die sich längst in eine Welt ohne Gott eingerichtet haben. Die von sich sagen, sie brauchen Gott nicht, aber in Wirklichkeit meinen: Sie kommen doch ohnehin nicht an ihn heran (denn Menschen, die Gott nicht brauchen, gibt es nicht).

 

So lasst uns heute aushalten bei jenen, für die Gott, warum auch immer, unerreichbar geworden ist. So, wie für die Jünger in diesen Stunden des Karfreitags. Vielleicht gehören wir selbst zu diesen Menschen. Die konnten nicht ahnen, was wir heute wissen, dass drei Tage später die Dinge sich komplett anders darstellen würden. 

 

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