Die Kirche ist endlich zu Hause (Betrachtung zum Gründonnerstag, 9. April 2020)

Langsam machen wir uns Sorgen auch um unser eigenes Leben. Aber die Schöpfung atmet auf. Sie holt tief Luft. Sie erholt sich vom Zermürbungskrieg, den wir gegen sie führen.

 

Auch die Kirche atmet auf. Auch sie erholt sich, auch sie holt tief Luft. Der kirchliche Betrieb ist zusammengebrochen. Zwar hat er sich zunächst hektisch in die digitale Sphäre und die sozialen Medien verlagert. Aber da sind schon nicht mehr so viele dabei. Sonst steht alles still.

 

Und zwar gerade noch rechtzeitig. Das alles fing schon an, heiß zu laufen. Wie ein überforderter Motor, der viel zu klein ist für die Leistung, die er bringen soll, der dann irgendwann nur noch qualmt und dann keinen Mucks mehr von sich gibt.

 

Gott sei Dank - davor sind wir im letzten Augenblick noch bewahrt worden. Dazu war diese arg unsanfte Vollbremsung von hundert auf null in kürzester Zeit wohl nötig. Wir können innehalten und durchatmen. Wir gut das tut. Was da von einem abfällt. Uns Pfarrerinnen und Pfarrer bringt das an ein paar elementare Erkenntnisse ins Bewusstsein, die wir vergessen hatten:

 

- Wir sind da, präsent, verlässlich und achtsam - aber wir müssen nicht ununterbrochen funktionieren.

 

- Wir müssen nicht unentwegt um Aufmerksamkeit buhlen.

 

- Wir müssen nicht auf Biegen und Brechen originell sein.

 

- Wir stehen nicht im Vordergrund, sondern gehören in den Hintergrund.

 

- Zum Reden gehört erst mal das Schweigen.

 

- Die Kirche wächst und gedeiht dort am besten, wo wir uns nach Möglichkeit gar nicht groß einmischen.

 

- Wenn die Leute uns brauchen, dann sagen die uns das, nicht wir Ihnen.

 

Die Kirche bleibt zu und wir dürfen niemanden besuchen. Auch in den sozialen Medien wartet keiner wirklich auf uns. Gerade deswegen blüht das Leben in der Kirche richtig auf. Die Leute können nicht mehr in die Kirche gehen. Sie übernehmen Verantwortung für die Kirche jetzt selbst. Sie sind jetzt selber Kirche. “Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

 

Sie machen das ohne uns. Zu Hause. Wie wir selbst zu Hause sind.

 

Zu Hause hat einst der Aufbruch Israels aus der Unterdrückung in die Freiheit begonnen. Eine letzte Mahlzeit noch. Für die Zeit, Sauerteig anzusetzen reichte schon die Zeit nicht mehr. Das ist zum Wahrzeichen Israels geworden, Pessach, oder wie wir sagen, das Passamahl. Und das wird zu Hause gefeiert (in diesem Jahr übrigens am Tag vor Gründonnerstag, am 8. April).

 

Zu Hause haben sich die Mitglieder der ersten Kirchengemeinde der Weltgeschichte in Jerusalem zu ihren Gottesdiensten getroffen, bevor sie sich nach und nach im gesamten römischen Reich niederließen und überall Gemeinden gründeten. Die sich auch erst mal zu Hause trafen.

 

Und nun sind wir alle gezwungen, die Tage von Gründonnerstag bis Ostern, das Herz unseres Kirchenjahres, zu Hause zu verbringen, selber Gottesdienst zu feiern, ob mit oder ohne geweihtes und ordiniertes Personal. Da, wo die Kirche hingehört. Sie wird da ja nicht bleiben. Aber dort sammelt sie sich. Wir hätten schon längst auf die Idee kommen können.

 

- Eine Anregung für Hausgottesdienste an den kommenden Feiertagen finden sie hier.

 

- Eine Betrachtung der Meditation "Christen und Heiden" von Dietrich Bonhoeffer (dessen 75. Todestag auf den Gründonnerstag fällt finden sie hier.

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