Christen und Heiden (Predigt zum 75. Todestag Dietrich Bonhoeffers, Gründonnerstag, 9. April 2020)

2. Mose 2,1-14 (den Text finden Sie hier)

 

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

 

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

 

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.

 

An diesem Gründonnerstag, dem 9. April, jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem Dietrich Bonhoeffer von den Nazis ermordet wurde. Für uns Evangelische ist Bonhoeffer außerordentlich wichtig. Diese kleine Meditation vom Juli 1944, Bonhoeffer war da schon im Gefängnis, macht deutlich, warum.

 

Die jeweils letzten Zeilen der drei Strophen sind die die wichtigsten. „So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.“ Es gibt keinen Unterschied zwischen beiden. Sie sind sich ähnlicher als wir manchmal ahnen und behaupten. Auf keinem Fall stehen die Christen auf der Seite der Geretteten und die anderen sind die Verlorenen. Sie wollen und erhoffen alle dasselbe von Gott. Und Gott sieht in ihnen allen – Menschen. Er unterscheidet nicht zwischen Christen und Heiden.  Oder… vielleicht gibt’s doch einen Unterschied. Wenn die Christen zu Gott gehen, dann nicht, damit Gott ihnen beistehe. Sie gehen zu Gott, um ihm selbst beizustehen. Gott leidet. Es ist vielleicht ein ungewöhnlicher Gedanke, aber Gott braucht uns. Er braucht uns, um Gott sein zu können. Christen sind Menschen, die Gott Gott sein lassen. Gott ist dort, wo man ihn Gott sein lässt. Dann kann er auch zu den Menschen gehen, zu allen Menschen in ihrer Not, sie sättigen mit dem, was wirklich satt macht. Für sie sterben und sie versöhnen. Nicht, weil sie Christen und obwohl sie Heiden sind. Sondern weil sie Menschen sind.

 

Dietrich Bonhoeffer ist der Entdecker des mündigen Zeitgenossen. Der keine Religion mehr braucht. Der ganz im Diesseits zu Hause ist und kein Jenseits als Rückzugsort benötigt. Der in der Wirklichkeit völlig alleine zurecht kommt, auch ohne priesterlichen Segen und pastorale Ermahnungen. Und wir, die Kirche, sind die oder sollen die sein, die ihn genau darin stärken und bestätigen. Wir ermutigen ihn zum Glauben. Der Glaube ist nicht, was den Menschen zum Christen macht. Der Glaube macht den Menschen zum Menschen. Der Mensch ist Mensch, wenn er glaubt. Er kann ohne zu glauben, ohne Vertrauen und Verantwortung, nicht Mensch sein. Das lernen wir von Dietrich Bonhoeffer.

Wir sind also da, um den Menschen zum Menschsein zu verhelfen. Und uns selbst dazu verhelfen zu lassen. Nicht zum Christsein. Es ist Gott, der Menschen zu Christen macht. Wenn Menschen Christen werden, dann haben sie den Ruf Gottes gehört. Nicht unseren Ruf. Wir helfen ihm nicht bei der Christwerdung. Sondern bei der Menschwerdung.

 

Als die Israeliten in die Freiheit gerufen wurden, weg von den Fleischtöpfen Ägyptens, durch die Wüste, da war das der Aufbruch nach Hause. In das Land, wo sie vor Gott Menschen sein sollten. Nach Gottes Ebenbild. Nach den Vorstellungen Gottes. Auf dem Weg dort hin hat er einen Bund mit ihnen geschlossen. Der Kern des Bundes sind die Zehn Gebote. Das Grundgesetz des Zusammenlebens von Gott und Mensch, und von Mensch und Mensch.

 

Als die Freunde Jesu bei ihrem letzten Mal in die Freiheit gerufen wurden, weg aus ihrer Heimat, durch die Nacht des Todes, auch das war das ein Aufbruch nach Hause. In das Land, wo sie vor Gott Menschen sein sollten. Auf dem Weg dorthin sind Sie dem Auferstandenen begegnet, der den Neuen Bund mit ihnen geschlossen hat. Der Kern des Neuen Bundes ist der Geist Gottes: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ (Jeremia 31,33)

 

Um aufzubrechen, versammelten sich die Israeliten zu einer letzten Mahlzeit, zu Hause. Sauerteig konnten sie nicht mehr ansetzen, dazu war die Zeit nicht mehr. Sie aßen es mit den bitteren Kräutern und dem gebratenen Lamm. Sie waren sich wohl nicht bewusst, dass daraus einmal des wichtigste Wahrzeichen Israels und des Judentums werden würden, bis zur Zeit Jesu und bis heute, das Pessach.

 

Um aufzubrechen, versammelten Jesus und seine Jünger sich ebenfalls zu einer letzten Mahlzeit. Es war eine Pessachmahlzeit. Ob sie wirklich eine war, ist umstritten, da sind die Evangelisten sich nicht einig. Aber Matthäus, Markus und Lukas lehrten uns, dieses letzte Mahl Jesu als ein Pessach-Mahl zu verstehen. Sie haben es nicht übernommen, die ersten Christen, vielleicht, weil sie es als Eigentum Israels ansahen. Nur dort, wo Jesus von der Ordnung abgewichen ist, das haben sie als ihr Bundeszeichen mitgenommen, das Abendmahl, die Eucharistie. Und sie feiern es, bis zum heutigen Tag.

 

Heute, an diesem Abend, erinnern wir uns an diese beiden letzten Mahlzeiten, der Israeliten und Jesu und seiner Jünger. Und an Dietrich Bonhoeffer, der in seinen letzen Monaten und Wochen über Dann brechen wir auf. Durch die Wüste, durch die Dunkelheit, vorbei am Sinai, vorbei am leeren Grab, ins Land der Freiheit. Es ist ein wichtiges Zeichen, wenn wir dieses Mahl feiern, wenn wir das Brot brechen, wahrscheinlich ohne ordinierte oder geweihte Personen. Wo zwei oder drei in meinem Namen, sagt Jesus, zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. Heute sind wir nicht mehr als zwei oder drei. Und Jesus ist mitten unter uns.

 

Hinweis: Über die Meditation "Christen und Heiden" finden Sie hier eine Predigt von 2012, von Prof. Isolde Karle, Praktische Theologin an der Uni Bochum.

 

Eine Anregung für die Gestaltung des Gründonnerstag-Abends und der Osternacht finden sie hier.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0