Prophetisch, ohne Worte (Predigt für Palmarum, 5. April 2020)

Markus 14,1-9 (den Text finden sie hier)

 

Vor dieser Frau habe ich Respekt! Ich hätte sie gerne näher kennen gelernt, hätte gerne gewusst, wie sie heißt, wie sie zu Jesus stand und zu seinen Jüngern, was ihre Geschichte war und wie es später mit ihr weitergegangen ist.

 

Es gibt starke Frauen in den Evangelien. Ich denke an die Mutter Jesu, an Maria Magdalena, an Maria und Marta in Bethanien, die Frau aus Syrophönizien – und die hier, die gehört auch dazu.

 

Vor vielen Jahren hatte ich mal über den Text gepredigt. Ich habe die Predigt nicht mehr wiedergefunden, aber ich weiß noch, ich habe diese Frau damals als ungeschickt, tolpatschig, unbeholfen beschrieben. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Die Frau weiß genau, was sie will. Die ist sich im Klaren, was sie da tut. Und dass sie die Leute da regelrecht vorführt, die dabei sind, das merken die nicht mal richtig.

 

Und ich bin ja ganz ehrlich. Mir tut das so richtig gut, was da gerade passiert. Das löst was in mir und ich kann ein inneres Grinsen kaum vermeiden. Sie ist eine Prophetin, die Frau, eine Prophetin ohne Worte. Und was sie da tut, das ist eine prophetische Zeichenhandlung. Jesus hat sie sofort verstanden. Es gibt ein tiefes Einvernehmen zwischen im und dieser Frau. Sie gehört auf jeden Fall schon seit längerem in das Umfeld Jesu und seiner Jünger. Sie kennt die Leute alle. Sie beobachtet sie seit einiger Zeit sehr genau. Und sie sieht: Die begreifen einfach nichts! Und jetzt führt sie dieses Nichtbegreifen dieser Leute richtig vor – und, wie gesagt, die kriegen das kaum mit, wie sie da vorgeführt werden. „Was soll diese Vergeudung? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Exakt diese Reaktion wollte sie haben. Die wissen immer so gut bescheid, wie es richtig ist. Als Jesus die Kinder zu sich kommen ließ, da spielten sie die Ordner am falschen Ort zur falschen Zeit. Als sie einen maßregeln wollten, der im Namen Jesu Dämonen austreiben, wollten, da waren sie auch wichtig. Und jetzt sind sie wieder so wichtig: „Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“

 

Sie wecken bei mir Assoziationen an viele Synoden, die ich im Laufe meiner fast 40 Dienstjahren miterlebt habe. Da wird dann, meist gegen Ende, wenn alle schon müde sind, der Tagesordnungspunkt „Haushaltsplan“ aufgerufen. Und das läuft dann – ich hab’s, wie gesagt, nun oft genug miterlebt – fast immer nach demselben Ritual ab. Die Synodalen bekommen mit der Einladung den Haushaltsplan zugeschickt, ein dickes Paket, ein Zahlenwerk von vielen, vielen Seiten. Auf der Synode tritt dann der Verfasser dieses Zahlenwerks ans Mikrofon und verkündet mit gebotenem Ernst wichtige Aspekte dieses Zahlenwerks. Dann tritt – wie gesagt, es war fast immer so – eine zweite Person auf, die kritische Nachfragen stellt und erkennen lässt: Auch ich kenne mich in dem Zahlenwerk aus. Und dann kommt noch ein drittes, ebenfalls haushaltsplankundiges Mitglied, das noch etliche Erläuterungen gibt. Manchmal tritt dann noch eine vierte Person auf, die auch noch was zu wissen meint, aber dann vielleicht nicht mehr ganz so im Bilde ist. Und alle anderen, genau wie ich, haben den Haushaltsplan gar nicht gelesen, weil sie ihn nicht verstehen und weil er nicht spannend ist, und sie gucken trotzdem jetzt halb wichtig – es ist ja auch wichtig – und halb ein wenig erschöpft, und dann wird der Haushaltsplan einstimmig beschlossen und alle atmen auf, weil gleich, am späten Samstagnachmittag, die Synode dann endlich vorbei ist.

 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es diese Menschen gibt, die was von den Finanzen verstehen. Und, ehrlich gesagt, ich beneide sie auch ein bisschen, wie sie da mit kompliziertesten Zahlengebilden souverän hantieren können. Was wäre die Kirche ohne ausgereifte und sachgerechte Haushaltspläne? Der Umgang mit Geld erfordert eine hohe Verantwortung.

 

Und das ist exakt die Verantwortung, die sie damals die Frau mit dem teuren Öl in dem Alabaster kritisieren lassen. Sie haben doch recht: Was hätte mit dem Geld für das Öl alles geschehen können! Sie stellen ihren verantwortlichen Umgang, mit den knappen Finanzmitteln unter Beweis. Das ist genau das, was die Frau mit ihrer Wahnsinns-Aktion provoziert. Ich bin so manches Mal von der Synode nach Haus gefahren mit dem Gefühl: Gut, unsere Finanzen sind in Ordnung, mehr oder weniger jedenfalls. Sie sein in guten Händen.

 

Und was ist jetzt?

 

Die Leute damals waren drauf und dran gewesen, ein Diakonisches Werk zu gründen. „Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben.“ Das wäre auch eine gute Sache gewesen, was Jesus ja auch ausdrücklich nicht bestreitet. Er hätte keines gründet und Statistiken, Tagessätze und Belegungszahlen hätten ihn nicht interessiert. Er hat sich nicht der Not allgemein zugewandt, sondern dem konkreten Menschen, der ihm jetzt gegenüberstand, dem Nächsten, mit seiner ganz persönlichen Not. Der interessierte ihn. Aber das spricht nicht gegen diakonische Werke. Sie sind eine gute Sache.

 

Aber nicht der springende Punkt. Nicht das, worauf es wirklich ankommt. In einer demonstrativen prophetischen Zeichenhandlung macht die Frau, die Heldin unserer Geschichte, klar: Hier ist Gott, hier, wo Jesus ist, hier ist der heilige Gott selbst! Wie einst die „Gottes-Söhne“ genannten Könige Israels gesalbt wurden, so salbt sie nun Jesus, zum Gottessohn! Und den, ausgerechnet den, werden sie umbringen. Jesus selbst spricht das aus: Sie hat meinen Leib gesalbt zu meinem Begrägnis. Die drehen sich um Haushaltspläne und die Gründung Diakonischer Werke - und hier stirbt der Gottessohn, hier stirbt Gott selbst!

 

Dass auch die Anwesenden den Sinn dieser irrsinnigen Aktion, dieser prophetischen Zeichenhandlung schließlich begriffen haben, dafür spricht, dass diese Begebenheit auf ausdrücklichen Wunsch Jesu in die Erzählungen der Evangelien mit aufgenommen worden ist. Damit ist dieser Frau, von der wir nicht wissen, wer sie ist und wie sie heißt, tatsächlich ein Denkmal gesetzt worden.

 

Ein sehr bewegendes Denkmal.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0