Draußen vor dem Tor (Predigt für Judica, 29. März 2020)

Hebräer 13,12: Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. 

 

Die Menschen in Galiläa habe sich nicht sonderlich für Opfer interessiert. Für das, was von morgens bis abends im Tempel in Jerusalem passiert. Denn nur dort durften die Opfer dargebracht werden. Dankopfer und Sühnopfer, Brandopfer und Ganzopfer, große und und kleine Opfer, je nachdem, was der Opfernde sich leisten konnte. Aber das war Jerusalem. Das war drei Tagereisen weg. Damit hatten die Landsleute Jesu nicht viel am Hut. Nur wenn Passah war, Pessach, dann spielte das Opfern, das Passalamm eine Rolle, für die, die sich dazu einmal im Jahr nach Jerusalem auf den Weg machen. Aber in all den Streitgesprächen, die Jesus mit den Theologen und Pfarrern seiner Heimat führte, da ginge es um viele Themen, Reinheitsgebote, Sabbatgebot, wann darf man schwören, der Zehnte und all so Sachen. Aber Opfer war nicht Thema. Das wurde zum Thema, wenn man nach Jerusalem kam, den da drehte sich alles um den Gottesdienst im Tempel, und in dem standen die Opfer im Mittelpunkt. Und Jahre später, als die Römer Jerusalem eroberten, waren die Opfer sowieso am Ende. Schon im Alten Testament war das eigentlich eher umstritten, mit dem Opfern. "Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor meinem Angesicht – wer fordert denn von euch, dass ihr meine Vorhöfe zertretet?"  so wettert Jesaja gegen die Tempelgemeinde. "Schlachtopfer willst du nicht, ich wollte sie dir sonst geben, und Brandopfer gefallen dir nicht", so betet der 51. Psalm.  Und seitdem es nicht mehr geht, ist der jüdische Glaube ohne Opfer ausgekommen. Er tut es bis heute. Das Opfern gehört nicht zum Wesen des Glaubens Israels.

 

Da fragt man sich, wie es dazu kommt, dass griechisch sprechende, gebildete Judenchristen, als Christen, die als Juden zu Christus gekommen, sich mit den Opferdienst im Jerusalemer Tempel befassen, zu einem Zeitpunkt, als schon seit Jahren keine Opfer mehr dargebracht wurden und nach dem die Christen unter den Juden ohnehin nicht mehr geopfert haben. Das tut nämlich der Hebräerbrief. Er geht gründlich auf den Jerusalemer Opfergottesdienst ein. Warum tut er das? Warum beschäftigt er er sich mit etwas, das sowieso vorbei ist?

 

Das ist eigentlich ganz einfach: Weil es wunderbar erklären kann, wer Jesus ist und worin seine Bedeutung für uns liegt. Wir haben einen Hohenpriester, schreibt der Autor des Briefes, den wir nicht kennen und dessen Brief eher so ein Rundschreiben ist, ein Lehr-Rundschreiben, das wohl von Gemeinde zu Gemeinde wanderte, ohne dass es an eine bestimmte Person oder Gemeinde gerichtet ist. Wir haben einen Hohenpriester. Die Hohenpriester waren diejenigen, die die Opfer darbrachten. Die Opfertiere wurden dazu gestiftet von den Leuten gestiftet, aber die Darbringung der Opfer passierte durch die dazu bestimmten Hohenpriester. Aber warum machen die Leute das, warum gehen die in den Tempel, kaufen für teures Geld ein Opfertier und bringen es zum Hohenpriester, damit der das unter Beachtung all dessen, was beachtet sein will, Opfer vollzieht. Geopfert wird in vielen Religionen. Die Darbringung von Opfern ist etwas, was in vielen Kulturen keineswegs fremd ist. Aber warum? und warum kennen wir Christen keine Opfer?

 

Das hat ganz viel mit Sehnsucht zu tun, mit Sehnsucht nach Gott. Die meisten Menschen haben Sehnsucht nach Gott. Das würden fast alle empört zurückweisen und klar machen, dass sie sich für Gott und so was nicht interessieren. Doch, ich unterstelle ihnen das. Sie haben Sehnsucht nach Gott, eine ganz tiefe Sehnsucht, sie ist nicht immer bewusst, sie ist nicht immer klar, aber sie haben sie. Und sie werden sie auch nicht los. Wir haben uns nicht selbst geschaffen, wir können uns auch nicht selbst erhalten, wir sind es nicht, die über den Sinn unseres Dasein entscheiden... und darum brauchen wir Gott. Darum tragen wir in uns eine ganz tiefe Sehnsucht nach Gott. 

 

Es ist wie mit einem Menschen, der über die Ohren verliebt ist. Der sehnt sich nach einem Menschen. Aber traut sich nicht. Was ist, wenn dieser oder diese Geliebte ihn oder sie zurückweist? Das wäre schrecklich. Wir haben Sehnsucht nach Gott, wir suchen den Kontakt, die Berührung mit Gott - aber was wäre, wenn er uns zurückweist? Wenn er abblockt? Wenn er eiskalt bleibt? Wenn er kein Interesse an uns hat? Etwa, weil er auf uns böse ist, weil er uns nicht mag, enttäuscht, verärgert ist oder was auch immer? Dann können wir uns in den enttäuscht Groll des Abgewiesenen hineinverkriechen - oder aber, es noch mal versuchen. Etwa, indem wir ihm Geschenke machen. Die Opfer sind nichts anderes als Geschenke an Gott, damit Gott bewegt wird, sich auf uns einzulassen. Die Opfer sind Ausdruck eine ganz großen Sehnsucht nach Gott - und zugleich ein eine ganz große Angst vor ihm. 

 

Wir haben einen Hohenpriester, der für uns opfert - so lesen die Empfänger des Hebräerbriefs. Wir haben jemanden, der den Opferdienst für uns übernimmt. Das ist es, was uns Christen ausmacht. Dass wir einen Hohenpriester haben. Übrigens ist das etwas, was nur der Hebräerbrief hat: Das Christus ein Hoherpriester ist, unser Hoherpriester, der für uns Opfer darbringt und damit bei Gott für uns einsteht. Die Frage aber ist, was er opfert. Und auch darauf gibt er Antwort, im 9. Kapitel. Was er opfert, ist nicht das Blut von Böcken oder Kälbern. Es ist sein eigenes Blut. Der Hohepriester ist sein eigenes Opfertier. Er bringt sich selbst als Opfer da.

 

Das darf man sich nun nicht als erhebend oder bedeutsam oder feierlich oder was auch immer vorstellen. Wir in den Kirchen mögen es ja gerne so. Wir lieben die Inszenierung, feierlich oder bedeutsam oder erhebend. Darin sind wir, das gilt für evangelisch wie katholisch, wirklich Meister. Aber dieses Opfer, von dem hier die Rede ist, das wird nicht live übertragen. "Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt", schreibt der Hebräerbriefautor unmittelbar vor unserer Stellen, und dann: Auch der Hohepriester hat gelitten draußen vor dem Tor, als er sein Opfer, sich selbst, dargebracht hat. Da, wo man die Abfälle hinbringt von den anderen Opfern. Da, wo es widerlich ist und ekelig.

 

Bevor wir also weiter darüber beratschlagen und bereden, wie wir die Kirche so inszenieren, vielleicht so bedeutend, so feierlich, so erhebend, dass die Leute sich angesprochen fühlen, dass sie motiviert werden, interessiert werden usw. usw. - lasst uns einfach mal innerhalten und schauen, was da passiert ist. Da stirbt einer, alleingelassen, der Gleichgültigkeit der Menschheit ausgesetzt, der Verachtung, dem Zynismus, den Witzen der Besserwisser... 

 

...und bringt damit ein Opfer, dass völlig ausreicht. Es muss kein weiteres Opfer dazu kommen. Es genügt. Und das heißt: Wir brauchen keine Angst mehr zu haben vor Gott. Aber lasst uns noch einmal drauf schauen, wie hoch der Preis war, dass wir keine Angst mehr haben müssen. Keine Angst mehr! Wir erleben in diesen Tagen viel Angst. Wir sind in einer Lage, die wir nicht haben kommen sehen und die uns extrem verunsichert. Wir wissen nicht, was noch passieren wird, an manchen Orten gerät die Seuche schon außer Kontrolle. 

 

Trotzdem: Keine Angst mehr! Weil das Opfer, dass uns auslöst, schon längst dargebracht ist. Völlig abseits, draußen vor dem Tor, ohne dass es jemand mitkriegt, ohne Inszinierung, ohne Bedeutsamkeit, ziemlich schäbig, ziemlich verloren. Das, was die Welt rettet, was dich rettet, was mich rettet, ist da passiert, wo die Scheinwerfer nicht aufgestellt waren. Aber es ist passiert. Es kann uns nicht mehr genommen werden. Wir brauchen die Scheinwerfer nicht. 

 

                                                                                                                                                                                                                  

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0