Es ist alles gut (Predigt für Lätare, 22. März 2020)

Predigt am Sonntag Lätare (22. März 2020) über Jesaja 66,10-14

 

Wir waren mal im Paradies. Lang ist`s her, aber wir waren wirklich mal da. Wir haben daran auch Erinnerungen. Keine bewussten. Wir könnten jetzt nichts erzählen. Aber tief in uns, ganz tief, da lebt noch das Gefühl:

 

Es ist alles gut.

 

Sehr häufig, vielleicht sogar meistens, lagern sich andere Erinnerungen darüber, gar nicht so gute Erinnerungen, an Verletzungen, an Alleingelassensein, an Ausgeliefertsein. Auch diese Erinnerungen sind tief in uns drinnen. Aber noch tiefer, noch darunter ist der Erinnerung an das Paradies.

 

An die Zeit, in der alles gut war. Alles. Wir waren umgeben von Wärme. Von Geborgenheit. Wir wurden angeschaut von Augen, die uns liebten, die jederzeit offen waren, die uns sagten: Ja, es ist gut, dass du da bist! Du bist der Grund, warum wir uns freuen. Wir hatten uns satt gegessen und getrunken, an der Brust unserer Mutter, und sie war immer da, wenn wir sie brauchten. Wir konnten uns loslassen, entspannen, uns fallen lassen, wir wurden ja gehalten. Nie waren wir so gelassen, so entspannt, wie in diesen ersten Tagen, Wochen und Monaten unseres Lebens.

 

Es gibt Reflexe an diese Zeit unseres Paradieses. Der Segen am Ende unseres Gottesdienstes ist so einer:

 

„Der Herr segne dich und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sehr die gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

 

Der Segen weckt die Erinnerung, wie sich unsere Mutter über uns gebeugt hat uns angeschaut hat, ihr Angesicht leuchten ließ und über uns erhoben hat und uns angestrahlt hat. Dann war alles gut. Daran erinnert jeder Gottesdienst mit seinem Schluss-Segen, dem sogenannten „aaronitischen“ Segen.

 

Wären wir nie im Paradies gewesen, hätten wir diese Erinnerung nicht, dann wären wir kaum fähig zu leben. Dann hätten wir keine Vorstellung von einem gelingendem Leben. Und es gibt zweifellos solche Menschen, die nie im Paradies waren. Über die sich nie Mamas strahlendes, wärmendes Angesicht gebeugt hat. Damit müssen wir rechnen. Wenn Jesu von den Verlorenen spricht, dann mag er sie meinen. Es gibt sie. Verlorene Menschen.

Und auch wir selbst – wir waren im Paradies. Aber wir durften dort nicht für immer bleiben. Wir wurden ihm entwöhnt. Wir wurden größer. Wir wurden erwachsen. Wir mussten lernen, uns zu kümmern. Wir mussten für uns selbst – buchstäblich - sorgen. Wir mussten arbeiten. Uns Mühe geben. Uns anstrengen. Schmerzen ertragen. Scheitern erleben. Angst aushalten. Krankheit hinnehmen. Vergänglichkeit aushalten. Sterblichkeit akzeptieren. All das, was sich in unserem späteren Leben über die Erinnerung an das Paradies gelegt hat. Aus dem Paradies heraus führt unser Weg in eine Welt der Zerbrechlichkeit und der Bedrohlichkeit – „als die Sterbenden, und siehe wir leben“ – so hat das Paulus mal genannt (2. Kor 6,9).

 

Das ist nämlich die andere Seite. Als die Sterbenden, ja. Aber siehe wir leben. Wir sind vom Sterben gezeichnet. Unsere Welt ist tödlich bedroht. Von mehreren Seiten. Die uns anvertraute Schöpfung entgleitet uns. Wir sind von Überforderung und Übermüdung gezeichnet.

 

Aber wir leben.

 

Wir täten es nicht, wenn wir nie im Paradies gewesen wären. Wir täten es nicht, wenn wir diese Erinnerung nicht hätten. Wir hätten keine Hoffnung. Gar keine. Denn die nährt sich von nichts anderem als von dieser Erinnerung. Das genau ist es, was die Propheten und ihre Schüler durch die Jahrhunderte bewegt hat, diese Erinnerung. Sie haben Klartext gesprochen. Sie haben in aller Schärfe vor Augen gestellt, was Sache ist. Sie haben schonungslos alle falschen Illusionen zerstört. Sie haben weh getan, die Leute mit ihr scharfen – aber eben treffenden Worten – gequält, sie waren unerträglich, sie haben gestört und verstört. Aber das konnten sie auch. Weil sich hinter aller vernichtenden Schärfe ihrer Worte – Hoffnung verbirgt. Hoffnung, die sich aus der Erinnerung nährt, der Erinnerung an das Paradies.

 

Das 66. Kapitel des Jesaja-Buches ist das letzte Kapitel dieses Buches, das viele prophetische Botschaften aus den Zeiten vor, während und nach dem Exil in Babylon enthält. Dieses Schlusskapitel ist weit nach dem Exil entstanden. Es ist eine Art Schlusswort, es erinnert an einen Schlusschor, das Finale eines großen und dramatischen Oratoriums. Und hier strahlt die nie ganz verschwundene, aber sich oft doch erschreckend verbergende Erinnerung an das Paradies wieder auf – und lassen wir uns doch einmal gelöst und entspannt wie ein Säugling in diese Worte fallen:

 

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.“

 

Wir mussten das Paradies verlassen, wie einst Adam und Eva. „Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist.“ (1. Mose 3,18b-19) Aus dem Vertrauen, der Gelassenheit und dem Frieden des Paradieses wurden Misstrauen, Angst und Mühsal. Wir mussten das raus. Aber es ist nicht verloren. Und manchmal spiegelt es sich in unserem Leben wider. Als Jesus Menschen gesund machte, zum Beispiel, da spiegelte sich das Paradies mitten im Leben. Manchmal werden Vertrauen, Gelassenheit und Versöhnung wieder wach. Manchmal atmen wir auf. Manchmal fällt alles von uns ab. Manchmal söhnen wir uns wieder aus. Manchmal ist alles gut. Und manchmal spüren wir: Wir sind nicht mehr drin, aber es ist noch da, das Paradies. Es lebt noch in uns. Und die Tür ist nicht mehr und die Cherubim stehen nicht mehr davor und sie bleibt offen.

 

Einst sind wir durch unsere Geburt ins Paradies gelangt. Das Neue Testament spricht von eine Neuen Geburt, einer Wiedergeburt (z.B. Joh 3,3 und 1Petrus 1,3). Durch sie spiegelt es sich im eigenen Leben, im Jetzt-Leben, im erfüllten Leben. Das ist sehr vorläufig, niemals endgültig, so lange wie leben. Wodurch wir aber spüren: Das Paradies ist nicht für immer verloren. Im Gegenteil. Es bleibt offen. Für immer. Es ist alles gut.

 

 

 

 

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