Lass die Toten ihre Toten begraben! (Predigt für Oculi, 15. März 2020)

Ich weiß ja nicht, ob ich es heute (am 15. März) noch bis auf die Kanzel schaffe. Deswegen stelle ich meine Predigt für heute allen zur Verfügung, die es heute nicht bis unter die Kanzel schaffen:

Lukas 9,59-60: Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Selten habe ich erlebt, wie ein Predigttext, den wir ja nicht frei wählen, ins Schwarze trifft.  Am Freitag noch haben wir darüber gesprochen, wie wir unter den gegebenen Bedingungen Beerdigungen abhalten können. In der Stadt Köln wie auch im gesamt Erzbistum Köln finden keine Gottesdienste mehr statt und ich kann derzeit nicht versprechen, ob wir hier am nächsten Sonntag noch Gottesdienst feiern können. Aber Beerdigungen sind nicht aufschiebbar. Zu sagen: Lass die Toten ihre Toten begraben, wäre extrem unbarmherzig und den Trauernden gegenüber verletzend. Es ist unsere Pflicht, den Verstorbenen den ihnen gebührenden Respekt zu erweisen und die Trauernden beim Abschied von ihnen zu begleiten. Nichts kann uns davon dispensieren, dieser Pflicht nachzukommen. Am kommenden Freitag wird es hier auf dem Friedhof eine größere Beerdigung mit vielen Teilnehmenden geben: Wir stehen in der Verantwortung für einen angemessenen Abschied. Aber ich kann nicht sagen, was bis Freitag noch passiert. Wenn’s um Leben oder Tod geht – wer kann ausschließen, dass auch noch diese geplante Trauerfeier verboten wird, so wie die Gottesdienste in Köln? Wenn es lebensgefährlich wird, daran teilzunehmen. Wenn es wirklich um Leben und Tod geht. Wie viele Verstorbene im zweiten Weltkrieg – und so wird es in jedem Krieg sein – haben deswegen keine angemessene, keine würdige Trauerfeier erhalten?

Wenn‘s um Leben oder Tod geht. Das ist genau die Frage, auf die Jesus mit diesem geradezu verletzenden Wort anspielt – schließlich trauert der Angesprochene um seinen gerade verstorbenen Vater. So als wollte er sagen: In der Tat – es geht in der Nachfolge um Leben oder Tod. Es geht um das Reich Gottes, und beim Reich Gottes geht um Leben oder Tod. Das Reich Gottes ist nicht zu vergleichen mit der Portion Schlagsahne auf dem Obstkuchen, der auch ohne sie immer noch lecker ist. Das Reich Gottes ist Leben. Und wo das Reich Gottes nicht ist, da ist kein Leben. Da ist der Tod. Es geht ums Leben, es geht um unsere Existenz, es geht um die Existenz unsere Schöpfung. Die Abwesenheit des Reiches Gottes ist gleichbedeutend mit dem Tod der Schöpfung, der Menschheit, dem eigenen Tod. So scharf sieht Jesus das.

Er ruft Menschen in die Nachfolge, er ruft sie aus einer Welt, die lebend schon tot ist, schon im Sterben liegt, nicht mehr zu retten ist, vor sich hinvegetiert. Er ruft sie aus dem Tod ins Leben. Den Schritt vom Tod ins Leben zu gehen bedeutet, einen radikalen Bruch zu vollziehen, mit allem, was bisher war. Zu erkennen: Alles das, was bisher für mich Leben bedeutet hatte, ist längst vom Tod gezeichnet. Auch die Solidarität gegenüber der eigenen Familie und der Respekt vor dem verstorbenen Vater. Auch das, was uns bisher – aus gutem Grund! – heilig ist, gehört in die Sphäre des Todes, des unabwendbaren Sterbens. Dass Jesus Menschen in die Nachfolge ruft, macht sichtbar: Wir gehören in eine Welt, die vom Tod gezeichnet, die unheilbar krank ist. Und aus dieser vom Tode gezeichnet Welt sich zu verabschieden und aufzubrechen – das geht nur ganz oder gar nicht. Das geht nicht stückweise. Das geht nicht nach und nach oder irgendwann. Entweder jetzt oder nie!

 

Wir erfahren nicht, wie der Mann sich entschieden hat, der mitten in seiner Trauer um seinen Vater von Jesus in die Nachfolge gerufen wird. Wird er seinen Vater in angemessener Weise beerdigen und Jesus vorbeiziehen lassen? Oder nimmt er den Ruf wahr um den Preis der Respektlosigkeit seinem verstorbenen Vater gegenüber, mitten in der Trauerarbeit, für die Zeit sich zu nehmen auch wir Seelsorger immer wieder raten? Deutlich wird daran: Die Nachfolge Jesu – das ist ein Bruch mit allem, was uns vertraut ist, was sich von selbst versteht, was angemessen ist.

Was uns vertraut ist, was sich von selbst versteht, was angemessen ist: Gerade machen wir die Erfahrung, dass das nicht reicht. Ja, dass sogar eine tödliche Gefahr davon ausgehen kann, wenn man sich auf das beschränkt. Um Leben zu retten, kann es sein, dass wir genau damit brechen müssen. Dass das uns Vertraute, das Selbstverständliche, das Angemessene dieses Mal nicht mehr entscheidend und nicht hilfreich ist. Dass es was völlig anderes ist, worauf es ankommt. Die Sache mit dem Coronavirus müsste uns eigentlich klar vor Augen stellen: Sind wir die Toten, die sich um die Toten kümmern?

 

Und dennoch – so schwer dieses harte Wort Jesu zu hören und zu lesen ist, so wenig es zu ertragen ist – es ist beim näheren Hinschauen am Ende dann doch entlastend und befreiend. Es wird nämlich auch deutlich, dass die Nachfolge nicht unsere Möglichkeit ist. Sie ist nichts, was von uns verlangt wird. Wir können die Nachfolge nicht leisten – es sei denn, Gott selbst schafft sie in uns. Es sei denn, wir werden in sie gerufen. Es sei denn, Jesus selbst ist es, der uns auf seinen Weg mitnimmt. Die Berufung in die Nachfolge ist zwingend Voraussetzung. Die Nachfolge ist nichts anderes als die Verwirklichung einer Berufung. Es ist also nicht unsere Aufgabe zu fragen, lasse ich jetzt alles hinter mir, breche ich jetzt hier und gleich auf, ohne Aufschub, ohne Zögern? Wer das tut, fragt nicht mehr. Er tut es einfach. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr.

 

Es gibt ja Leute, die diesen schroffen Bruch hier und jetzt und ohne Aufschub vollziehen. Es gibt sie bis heute. Durch solche Menschen ist Jesus auch heute mitten unter uns. Im Lukasevangelium ist nicht so ganz eindeutig, wer zu den Nachfolgenden gehört. Da ist von den Zwölfen die Rede. Der Evangelist Lukas sprich aber gelegentlich auch mal von 72, die nachfolgenden, die offenbar für eine begrenzte Zeit sich den Wegen Jesu angeschlossen haben und so etwas wie ein Nachfolge-Praktikum ablegen (Lukas 10,1-12). Es gibt etliche Frauen, die zum Kreis der Nachfolgenden gehören (Lk 8,1-3). Es ist nicht eindeutig, wie viele zu denen gehören, die Jesus nachfolgen. Die Grenzen sind fließend. Am Ende ist es nur dieser kleine Kreis „mitsamt den Frauen und Maria“, die später als Apostel die erste Kirchenleitung gebildet haben (Apg 1,13f.). Aber was ist mit denen, die zeitweise bei ihm waren, die zu Hause in ihren Familien gelebt haben, die Frauen die zu dem Kreis um Jesus gehörten, den Geheilten, den Zöllnern und Sündern, den Menschen, die ihn begeistert empfangen haben, als er in Jerusalem einzog, denen also, die an ihn glaubten und trotzdem in ihren bisherigen Bezügen blieben? Es gab um Jesus nicht nur die Zwölf, sondern eine Fülle von Menschen, die sich zu ihm bekannten. Der Blinde von Jericho folgte Jesus auf seinen Wegen, aber er gehörte nicht zu den Zwölfen (Mk 10,52). Dem von Dämonen Befreiten aus der Gegend von Gerasa erlaubte er das nicht, er schickte ihn nach Hause, damit er dort verkündete, welche Dinge Gott an ihm getan hat (Mk 5,18f). Entscheidend ist der Ruf in die Nachfolge. Das Neue Testament lässt keinen Zweifel: Die Nachfolge, die die Tür aus dem Gefängnis des Vertrauten, Selbstverständlichen, Angemessenen aufstößt, geht nur mit Berufung. Wer nicht berufen ist, wird’s nicht bringen.

 

 

Der Ruf in die Nachfolge, an wen er auch immer ergeht, macht uns bewusst: Wir leben in einer Welt, in der die Toten ihre Toten begraben. Manche brechen auf, nicht, weil sie es können oder müssen, sondern weil sie von Jesus, im Namen Gottes, selbst Gerufene sind. Sie sind es, die die Fenster aufmachen und in unsere tödlich getroffene Welt Licht und Luft hineinfluten lassen. Und wir sind es, die danach zu fragen haben: Wozu sind wir berufen? Welchen Auftrag richtet Gott uns? Für das Neue Testament steht völlig außer Frage: Wir haben unseren Auftrag, unsere Verantwortung, unseren Ort, an dem wir uns bewähren sollen. Aber nicht wir sind es, die darüber entscheiden (unsere Entscheidung besteht nur darin, dies festzustellen). Nicht wir sind es, sondern unsere Berufung, die von Gott ausgeht. Wir sind berufen. Und an Gott glauben, bedeutet auch, dass wir unserer Berufung folgen. Unserer eigenen, individuellen, besonderen Berufung.

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