Der Theologie-Verzicht nimmt dramatische Formen an

Ich stelle mir gerade vor, ich bin der Intendant des Düsseldorfer Opernhauses. Ich stelle fest, dass schon seit Jahren die Besucherzahlen der Oper kontinuierlich sinken. Es muss dringend was geschehen. Wie wäre es, wenn wir, sagen wir: 200 Düsseldorfer, die zufällig ausgewählt werden, befragen, wie sie über das Düsseldorfer Opernhaus denken. Da werden - sie sind ja zufällig ausgewählt - einzelne begeisterte Opernfans drunter sein, auch solche, die mal in der Oper waren und das vielleicht auch ganz interessant fanden, aber auch solche, die davon überhaupt keine Ahnung und kein Interesse haben. Das ganze würde 200.000 Euro kosten, Spender und Sponsoren würden dieses Vorhaben sicherlich unterstützen. Am Ende  würde mir dieses Projekt eine Fülle von Informationen über die Frage liefern, wie die Menschen in Düsseldorf über ihr Opernhaus denken. 

 

Nur eines hätte ich nicht erreicht: Ich würde nicht einen einzigen neuen Abonnenten gewonnen haben. 

 

Nein, auf eine solche Idee wäre ich - ich bin immer noch Opernintendant - wahrlich nicht gekommen. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Werbung machen für das Opernhaus, denn das würde voraussetzen, dass die Düsseldorferinnen und Düsseldorfer was mit Oper anfangen könnten. Das scheint ja gerade eher weniger der Fall zu sein.

 

Ich würde etwas ganz anderes machen. Als Intendant wäre ich ja fasziniert von dem Phänomen Oper. Ich würde alles daran setzen, andere von dieser Faszination zu überzeugen. Ich würde vermitteln, wie großartig, bewegend, begeisternd, anrührend, erhebend eine Oper sein kann. Ich würde zu vermitteln versuchen, dass es sonst nichts vergleichbares gibt in der Stadt und der ganzen Region. Ich war alles tun, um andere von meiner Leidenschaft für die Oper anzustecken. Wer nie in einer Oper war, weiß nicht, was ihm da bisher im Leben entgangen ist.

 

Im richtigen Leben spielt die Oper in meinem Leben fast keine Rolle. Aber ich bin Christ, und ich bin Pfarrer. Ich bin fasziniert von Gott, von der Bibel, vom christlichen Glauben, vor allem in seiner evangelischen Fassung, ihm gilt meine ganze Leidenschaft und meine Begeisterung, weil es vergleichbares nichts gibt, und ich bestrebt, von dieser Begeisterung andere anzustecken.

 

Und nun schaue ich zu, wie der Evangelische Kirchenkreis Düsseldorf 200.000 Euro ausgibt für ein sogenanntes "Bürgergutachten 2020 - Wie viel Kirche braucht die Stadt?". (https://www.ekir.de/www/service/buergergutachten-32118.php200 zufällig ausgewählte Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger sollen in einem wissenschaftlich begleiteten, sehr aufwändigen Verfahren befragt werden. Themen wie Klimaschutz, Digitalisierung und Geschlechtergerechtigkeit sollen dabei eine Rolle spielen - Themen also, die nicht gerade zum Alleinstellungsmerkmal der Evangelischen Kirche zählen. Als Ergebnis soll es am Ende "Antworten und Empfehlungen auf die Frage nach Relevanz und Zuständigkeit von Kirche in der Stadt" geben. Der Düsseldorfer Superintendent Heinrich Fucks erhofft sich davon "eine aktivierende Wirkung" und er meint: "Die Art der Bindung der Kirchenmitglieder ändert sich und mit ihr die Möglichkeiten in Kontakt zu kommen und zu bleiben".

 

Meine Frage ist nur, warum Düsseldorferinnen und Düsseldorfer mit der Kirche in Kontakt kommen und bleiben sollen. Themen wie Klimaschutz, Digitalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit können es ja nicht sein, die sind woanders besser aufgehoben. Sollen die Befragten der Kirche erklären, wie sie in der Stadt relevant und wofür sie zuständig sein soll? Sie würden ja auch dem Opernintendanten nicht erklären, wozu das Opernhaus da sein soll. Wenn er das nicht selber weiß, dann ist er fehl am Platz.

 

Wenn die Leute in Düsseldorf nicht mehr wissen, wozu die Kirche da ist und wenn diese es offenbar selber nicht mehr weiß oder zumindest nicht mehr sagt, dann wird auch ein solch teures und aufwändiges Bürgergutachten am Ende keine neuen Erkenntnisse bringen. 

 

Um es noch mal allen, die es wissen wollen, zu sagen, worum es in unserer Kirche geht: Es geht um Gott. Es geht um die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen. Es geht um den Sinn des eigenen Lebens und der ganzen Schöpfung. Es geht um Verantwortung und Vertrauen. Es geht um Gericht, Versöhnung und Heilung. Es geht um die Jahrtausende währende Geschichte Israels und des Christentums mit ungezählten Geschichten der Gottesbegegnung. Es geht um Jesus, eine der faszinierendsten Gestalten der Menschheitsgeschichte und um die, die ihm folgen. Es geht um Glauben, Hoffnung, Liebe. Es geht um Begeisterung, Leidenschaft und Faszination. Es geht um Glauben.

 

Eine Kirche, die das nicht mehr aussprechen kann oder will, die nicht mehr mit Herzblut dafür einsteht, was sie verkündet, die nicht mehr in der Lage ist, dafür zu stehen, was sie glaubt und was sie antreibt (wenn sie irgendwas antreibt) kann ein solches Bürgergutachten allenfalls dazu verwenden, die eigene Sprachlosigkeit zu verschleiern. Zu mehr taugt es nicht. 

 

Im übrigen sei dazu ergänzt: Wir, die wir vier Jahre lang vergeblich für den Erhalt der Bruderkirche (in der Düsseldorfer Lutherkirchengemeinde) gekämpft haben, sind nie befragt worden. Stattdessen waren wir es, die ein Mediations-Verfahren angestrebt haben, um die Sprachlosigkeit zu überwinden, das aber dann gegen uns instrumentalisiert wurde. 

 

Der Theologie-Verzicht in unserer Kirche nimmt inzwischen dramatische Formen an. Aber er liegt im Trend. Das lässt sich am Themenschwerpunkt "Kirche 2060" von "zeitzeichen" (2/2020, S. 22-39) gut erkennbar beobachten. Fabian Peters und David Gutmann beleuchten die Freiburger Studie zur Kirchenmitgliedschaft (24-26) ausschließlich unter organisationstheorischen und soziologischen Gesichtspunkten ("Eine Erhöhung der Taufen und Aufnahmen und eine gleichzeitige Verringerung der Austritte hätte nicht nur mehr Mitglieder zur Folge. Auch der Rückgang der Kirchensteuerkraft würde geringer ausfallen..."). Wolfgang Thielmann berichtet mit großer Begeisterung über das in der Tat bemerkenswerte, von Sebastian Baer-Henney und Mirjam Hoffmann initiierte Projekt der "beymeister" in Köln-Mülheim (31-33), aber auch hier unterbleibt eine theologische Evaluation. Wir hätten als Leser gerne etwas über biblische Bezüge, theologische Einordnungen gehört und inwieweit dieses Projekt Modellcharakter haben kann; statt dessen stellt er es auf ziemlich dreiste Weise als Frucht des Impulspapieres "Kirche der Freiheit" dar. Am ehesten dran an einer theologischen Betrachtungsweise ist noch Thies Gundlach (27-30) mit seiner durchaus anregenden Vision der zukünftigen Gestalt der Kirche, seiner Unterscheidung von individuellem, öffentlichem und kirchlichem Christentum und dem Mut, von Elitenbildung, stellvertretender Frömmigkeit und öffentlicher Vielfalt zu sprechen. Aber auch hier wirken die theologischen Bezüge eher als an die organisationstheoretisch-soziologisch längst schon feststehenden Erkenntnisse nachträglich herangetragen. Die praktische Theologin Birgit Weyel wiederum kommt im Interview zum Trend in Sachen Kirchenmitgliedschaft (37-39) komplett ohne theologische Reflexion des besprochenen Sachverhaltes aus.

 

Es ist genau dieser immer deutlicher werdende Theologie-Verzicht, der dazu beiträgt, dass das Profil unserer Kirche immer weniger erkennbar wird und dadurch immer weniger neugierig macht und interessiert und in Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit versinkt. Gott sei Dank meine ich auszumachen, dass sich in unseren Kirchen, vielleicht noch im Verborgen, aber dann doch wohl immer deutlicher regt, und dass heranwächst, was die Kirche wirklich zur Kirche macht.

 

 

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