Ich und mein Jesus: Das funktioniert nicht mehr.

Ich habe gelesen, dass die überwältigende Mehrheit der Evangelikalen in den USA Trump unterstützt – einen lügenden, zynischen und gewissenlosen Präsidenten.

 

Ich weiß nicht, ob ich je ein Evangelikaler war. In frühen Jahren habe ich mich dem sogenannten missionarischen Gemeindeaufbau verpflichtet gefühlt. Eine Weile lang stand ich der charismatischen Bewegung nahe. In diesen Kreisen ist die persönliche Gottesbeziehung ganz wichtig. Sie ist durch die Sünde gestört, aber Jesus ist ja für unsere Sünden gestorben. Man muss nur Jesus als seinen Herrn annehmen und sein Leben an Jesus übergeben oder so ähnlich. Manche nennen das „evangelikal“.

 

Aber wenn die Unterstützer Trumps – er selbst ist es wohl nicht – und der brasilianische Präsident Bolsonaro evangelikal sind – wie kann ich dann noch ruhig schlafen, wenn ich von den selben  Frömmigkeitsstrukturen geprägt bin wie die Trump-Anhänger und Bolsonaro?

 

Frömmigkeitsstrukturen, die besagen, dass alles sich daran entscheidet, ob Jesus mein Herr und darüber hinaus alles andere beliebig ist, dass ich „gerettet“ bin und die Welt gerne den Bach runter gehen kann, weil, ich bin ja gerettet. Natürlich kann ich sagen: Diese Evangelikalen, die legen sich ihren Gott und ihren Jesus und ihren heiligen Geist so zurecht, wie sie ihn brauchen und merken nicht, dass Gott bei ihnen überhaupt nicht mehr da ist, sondern nur noch das, was sie für Gott halten.

 

Aber was gibt mir das Recht zu behaupten, für mich gilt das nicht? Wer sagt denn, dass es wirklich Gott ist, wenn ich von Gott rede, was ich ja vor allem deswegen tue, weil‘s mein Job ist? Es ist zu billig, sich von den „bösen Evangelikalen“ in den USA, in Brasilien und anderswo abzusetzen und zu behaupten, man selbst wäre ja nicht so? Jede Grenzziehung ist willkürlich, es ist das ganze System, ob es evangelikal, missionarisch, Gemeindeaufbau oder sonst wie nennt, – es ist ganze System, das morsch und unglaubwürdig geworden ist – und doch wohl immer war. Ich und mein Jesus, das funktioniert nicht mehr. Sich in eine „tiefe Beziehung zu Jesus“ zu retten und die Welt sich selbst zu überlassen, das ist vorbei. Und was sind die Alternativen? Das ganze Wir-haben-uns-alle-lieb-und-Gott-dich-auch-Gewäsch nimmt uns doch auch kein Mensch mehr wirklich ab. Das ist so ein Karl-Barth-Moment, dessen Geschichte als maßgeblicher Theologe mit dem Entsetzen über die arrogante und behäbige Selbstverständlichkeit begann, mit der sich damals, 1914, die evangelische Kirche hinter die Kriegspläne Kaiser Wilhelms II. gestellt hat.

 

Wir leben in einer Zeit der Kipp-Punkte. Es ist schon Besorgnis erregend: Immer wieder tauchen Meldungen auf, die darstellen, wie kritisch die Lage der Schöpfung wirklich ist. Die Kipp-Punkte sind schon erreicht, so lesen wir, die Perma-Frostböden tauen schon auf, riesige Eisberge lösen sich, die Unbewohnbarkeit der Erde ist zeitlich gesehen in große Nähe gerückt. Und dann verschwinden diese Meldungen auf geheimnisvolle Weise wieder, als wären sie so beunruhigend, dass sie kein Mensch ertragen kann. Wissen wir, in welchem Zustand die Erde sich wirklich befindet?

 

Auch Demokratien kippen. So, wie damals die Weimarer Demokratie gekippt, kann es immer wieder geschehen. Vielleicht befinden sich die Demokratien in den USA und GB auf solchen Kipp-Punkten, andere Länder wie Brasilien, Türkei, Polen, Ungarn, Italien haben das entweder schon hinter sich oder sind gefährdet. Keine Demokratie ist wirklich davor sicher, umzukippen. Und keine Kirche davor, daran kräftig mitzuwirken.

 

Und auch unserer Kirche selbst steht auf einem Kipp-Punkt, sie könnte vollends in Bedeutungs- und Sprachlosigkeit umkippen. Vielleicht sollten wir einen Sabbat einlegen, eine Schweigezeit, uns aus der öffentlichen Verkündigung für eine Weile zurücknehmen, um zu hören und zu prüfen, was wir der Welt wirklich zu sagen haben. Denn es kann nicht mehr darum gehen, ob ICH gerettet bin, sondern darum, ob DIE WELT gerettet ist – so wie Paulus in 2. Korinther 5,19 davon spricht, dass Gott DIE WELT (und nicht nur mich) mit ihm selbst versöhnt hat. Geht die Welt unter, dann wir mit ihr. Und eben das ist die Frage: Steht der Schöpfer noch – im Sinne von 1. Mose 8,21-22 – zu seiner Schöpfung, oder haben wir, die Menschheit, sie soweit heruntergewirtschaftet, dass sie – und wir mit ihr – nicht mehr zu retten ist und das Gott sie aufgegeben hat? Diese und keine geringere ist die Frage, auf die wir antworten müssen, wenn wir weiterhin den Anspruch erheben, Gottes Wort zu verkündigen. Leicht ist das nicht. Wir sollten es uns auch nicht leicht machen.

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